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Halts, nicht nach der Schönheit der Worte betrachte. So sei Dürer zu verstehen trotz seinen Härten. Nicht bloß unter italienischeinHimmel, unter majestätischen Kuppeln, auch unter Spitzgewölben,kraus verzierten Gebäuden und gotischen Türmen wächst wahreKunst hervor!
So wird Kunstülnmg wie Kunstgenuß zum Gebet. ZweiSprachen sind dem Menschen gegeben, die himmlischen Dinge znerfassen: Natur und Kunst. Die Natur ist das Geheimnisvolle,das Unausgeklärte und Nnaufklärliche, stets in dem dunkeln Gefühleines unerhellbaren letzten Grundes der Dinge Endende. DieKunst redet aus diesem duukeln Gefühl wieder zurück zum Menschen.Die Weisheit setzt das Gehirn nur zur Hälfte in Bewegung; dieKunst schließt die menschliche Brust auf, richtet den Blick insInnere, zeigt das Unsichtbare, alles was edel, groß, göttlich ist inmenschlicher Gestalt. Man müsse sie nur mächtiglich anreden,damit sie zn uns spreche, man müsse in geweihten Stunden zu ihrzurückkehren, man müsse feinere, bewegliche, für geheimen Reiz em-pfängliche Nerven haben; man dürfe nicht auf sie Herabseheu wollen,denn sie sei über dem Menschen. Es ist ein Mönch, den derProtestant Wackenroder in seinem Buche diese Ansichten ent-wickeln läßt.
Ludwig Tieck ließ 1798 in seinem ins 16. Jahrhundert ver-legten Roman Franz Sternbalds Wanderungen wieder Einsiedler,Mönche seine Kunstanschauungen vortragen. Zunächst: KeineSpur vom Prärasaelitentnm! Rafael ist das Kleinod der Erde,er war und blieb ein Jüngling bis an sein Ende. DennJüngling sein ist eine Tugend; das Wort hat einen berauschendenKlang für die Dichter; es birgt in sich nicht stürmische Thatkraft,fondern Bildsamkeit, Weichheit, Begeisterung und die Fähigkeit an-betender Liebe. Männer sind bei den Romantikern nicht beliebt;dem Jüngling steht unmittelbar der Greis gegenüber, der in Jugend-erinnerung lebt, und der den Jüngling zu belehren für seine höchsteLebenspflicht hält.
Sternbald zu lesen, ist eine Qual: Ein endloses Säuseln inBlättern, Mondschein oder Sonnenausgang, Herumliegen im grünenGras bei Kunstgesprächen und Hörnerklang. Und man fühlt doch