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V. Die Romantiker.
überall durch, daß der Dichter sich sein Lebtag hütete, sich ins Grünezu setzen aus Furcht vor Grasslecken, Schnupfen und Ameisen,und daß er das Morgenrot nur als eine verspätete Wiederholungdes Abendrotes beim Heimweg vom The dansant kennen gelernthatte. Was aber die eigentliche Absicht des Dichters bei all demKunstgeschwätz war, ist schwer zu sagen: Abwäge» Dürerscher Artgegenüber der Rafaelschen, der Stellung der deutschen zur italienischenKunst; hier schlichte Redlichkeit und Gläubigkeit, dort Begeisterung,Schwung, Meisterschaft, — vor allem aber die Absicht, der Weltzu zeigen, wie der echte Künstler schasse: Nicht als Handwerker,sondern als ein in höchster Verzückung Taumelnder, nur den edelstenRegungen Zugänglicher, der nicht Werke der Hand, sondern Offen-barungen seines inneren Schauens von sich giebt, dessen Bildermithin immer der unmittelbarste Ausdruck seiner Stimmung sind.Solche romantische Künstler spicken noch heute in der Litteraturhernm: Weun den schmachtenden Bildhauer die Geliebte schief an-gesehen hat, durchzieht den Ausdruck seiner Statue plötzlich einunnennbares Weh; und wenn sie ihn wieder anlächelt, wendet sichdies unter seinen Händen in strahlende Heiterkeit. Tieck, obgleichBruder eines Bildhauers, wußte doch nicht, wie ein Künstlerarbeitet; oder er wollte es nicht wissen.
Ich glaube nicht, daß irgend ein Maler oder Bildhauer zuirgend welcher Zeit auch nur die kleinste thatsächliche Anregungaus dem süßlichen Geschwätz gezogen hat. Nicht die Dichter habendamals die Künstler gefördert, sondern die Dichter suchten in derKunst ihre Poesie.
Den Gedankengang, der die Künstler zum Katholizismusführte, beschreibt A. W. v. Schlegel in seinem Gespräch Die Ge-mälde (1798): Die Reformation schnitt nach ihm das erneuteChristentum, wie es aus Milton und Klopstock spricht, von seinerBorzeit ab. Damit wurde die noch weiter zurückliegende Mystikvernichtet. Eine neue zu schaffen mißlang den folgenden Ge-schlechtern; ihnen fehlte die volksmäßige Sage und damit die kindlicheSinnlichkeit. An deren Stelle setzt Schlegel die Symbolik: DasVorgefühl der Mutterschaft ist für jedes zarte weibliche Herz einverkündender Engel: Die Verkündigung ist das Symbol dieses Ge-