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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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A. W. v. Schlegel.

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fühles. Durch die Symbolik wird das Schöne vertieft; und dasSchöne kann nie Aberglaube sein. Durch die mystische Kraft, durchpriesterliche Zaubermacht wird selbst das Häßliche, Lächerliche, Arm-selige in Heiliges verwandelt. Die katholische Kirche besitzt soden bestimmten mythischen Kreis, in dem die Gegenstände schonbekannt und von lang her künstlerisch gegliedert sind, so daß dieAufmerksamkeit sich ungeteilter auf die Behandlung richten kann;während jetzt Mythologie, Geschichte, Allegorie und selbst Ossianbewegt werden müssen, um doch nur schwer verständliche Stoffe zugeben. Gleiche Schönheit könne das Nationalgefühl nicht bieten. Esbleibe dem Künstler also nichts übrig, als eine ausgestorbene Götter-welt zu wiederholen oder den göttlichen und heiligen Personen einesnoch bestehenden und wirkenden Glaubens, sie fortbildend, zu huldigen.Schlegel nimmt also den Glauben als schöne, sreie Dichtung; alssolche verdiene er unvergängliche Dauer.

In Paris , 1802, wurde ihm das erstrebenswerte Ziel klarer:Eine neue, wahre, große und gründliche Malerschule muß ihrenQuell im Gefühl, aber nicht im dichterisch schaffenden, sondernallein im religiösen suchen; wahre Andacht und lebendiger Glaubewerde den prosaischen Nebel antikischer Nachahmerei zerstören. Nichtdas Spielen mit katholischen Sinnbildern, sondern die symbolischeBedeutung und Andeutung göttlicher Geheimnisse sei ihr Zweck,alles übrige nur Mittel, dienendes Glied und Buchstabe.

Später, 1828, hat sich Schlegel eifrig gegen den Vorwurfder Zeitschrift I^e (üatliolique verteidigt, er sei halb katholisch.Halb sei soviel wie gar nicht; er verwahrt sich jetzt, daß manihm das aus seinen Jugendschristen, was er selbst zur Vergessen-heit verurteilt habe, nun, nachdem er gereift sei oder gar nachseinem Tode aufbürde. Seine Gedichte bezögen sich meist auf dasVerhältnis des äußeren Gottesdienstes zur Kunst; er glaube nichtan die Wunder der Kirche, er preise nur den milden, kindlichenSinn, mit dem sie im Bilde aufgefaßt seien.

Er schilderte sich zweifellos darin richtig. Nur ist es dasSchicksal der Zeit, daß nicht die nüchterne Absicht, sondern dasgetragene Wort die Seelen gefangen nahm; daß in den jungeuKopfe die Begeisterung für das Schöne im Katholizismus, die