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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Sehnsucht nach Italien und nach Mystik.

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Das Hochamt halten und die Völker segnen . . .Nur er ist mit dem Göttlichen umgeben.Eiu wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus,Denn nicht von dieser Welt sind diese Formen.

Das ist Schlegels Lehre in schwungvollem Erfassen. Der SanchoPanza der deutschen Litteratur, Kotzebue , sah dort, wo dieSchlegel und Tieck einen Seelenrausch des Entzückens empfanden,thränenden Auges standen, nur kirchliche Alfanzereien und greulichdummen Aberglauben.

Man hat auf Schiller die nationale Begeisterung der Be-freiungskriege zurückgeführt. Wohl begeistert der Dichter sich fürdie Vaterlandsliebe, aber zumeist für jene anderer Völker. Einedeutsche war eben noch nicht erfunden. So war die Kunst auchnoch trotz aller Dürerschwärmerei sehr weit davon entfernt, ernsthaftdeutsch zn fühlen.

In Rom waren die Wandlungen des geistigen Lebens nichtspurlos vorübergegangen. Die Anwesenheit so vieler hervorragenderdeutscher Männer und Frauen ließ sie rasch auch hier zum Aus-druck kommen. Nacheinander hatte Preußen ausgezeichnete Männernach Rom gesendet, die im Palazzo Caffarelli einen Mittelpunktdes deutschen Lebens bildeten und den Künstlern mehr als irgendwoGelegenheit boten, sich den ersten Kreisen der Gesellschaft zn nähern.Ebenso hatten die leitenden Schriftsteller in Rom gelebt. Es wargewiß ein Ereignis, daß Tieck 1806 den Künstlern in ReinhartsHause die Nibelungen vorlas, in der Absicht zu deutschen Stoffenherüberzuführen, die deutsche Welt romantisch zu empfinden lehren,wie sie einst die schottische durch Ossian auffassen gelernt hatten.Und die Künstler folgten willig diesem Ruf. In Rom war abernicht der rechte Boden für nationale Absperrung trotz der be-ginnenden Begeisterung für das Deutschtum.

Keiner von den jungen Malern, die sich in Rom zusammen-fanden, ging nach Deutschland zurück, als es galt, die Waffenzu erheben und sein Blut für das Vaterland einzusetzen. Es warkein Theodor Körner uud kein Friesen in ihrem Kreise. Siezeichneten und liebten sich untereinander, während ihr Vaterlandaus tausend Wunden blutete. Sie strebten nach dem Idealen