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V. Die Romantiker.
Giovanni Battista Tiepolo , der die Farbigkeit des Fresko zurhöchsten Vollendung gebracht, etwa vierzig Jahre, sein Sohn undGehilfe Giovanni Domenico erst zwanzig Jahre todt. Trotzdem wardie Technik nnd das, was in ihr von diesen erstrebt worden war,gänzlich vergessen, und mehr noch verachtet als vergessen, ebensodie königliche Sicherheit, mit der die Barockmeister die Technikübten. Was die römischen Klosterbrüder mit Hilfe eines altenMaurers erreichten, ist kindlich neben der vergangenen Herrlich-keit; wie sie es erreichten, durch sorgfältiges Zeichnen von Kar-tons, Ausmalen von Skizzen in Wasserfarben, peinliches Über-tragen auf deu Kalk, ein mühseliger Weg gegenüber der Meister-schaft der Alten, die in Fresko dachten und die bewegte Figurhinreichend beherrschten, um aus der Skizze gleich ins Große zuarbeiten.
Die Bilder selbst befinden sich jetzt in der Berliner National-galerie, dem deutschen Kunstfreund bequem zugänglich. Er mnszdie Kunst gelernt haben sich in alte Zeiten zurück zu versetzen, umsie einen: Modernen genießbar zu machen. Grübe sie ein späteresJahrhundert gleichzeitig mit Tiepolos Deckenmalereien im Schloßzn Würzburg oder im Palazzo Labia in Venedig aus, so kämekein Mensch auf den Gedanken, daß sie die jüngeren sind: EinStammeln neben der vollendeten Meisterschaft der Rede. ImGegenstand sind sie geradezu gleichgültig. Was sollen der Weltdie Erzählungen der alttestninentarischcn Geschichten in einem ent-lehnten Tone, wenn deren Vorbilder auch noch so treuherzig siud,und wenn man anch noch so klar erkennt, daß die Maler sichmühten, mit den alten Formen auch die alte Sinnigkeit der Beob-achtung zu erringen! Es ist für den Nachlebenden ganz außer-ordentlich schwer, bei den Unbeholfcnheiten nicht zn lächeln, überdie Anmaßnng sich nicht zu ärgeru, mit der diese Bilder sich überdie Leistung der drei vorhergehenden Jahrhuuderte hinwegsetzten.Man wird allen jenen volles Recht geben müssen, welche mitHohn sich von dieser Anmaßung abwendeten, daß hier Nafael undMichelangelo den eigentlich rechten, von ihnen verfehlten Weggewiesen werden sollten; wie hier im Geiste Steine auf Correggio nnd Tizian, auf Rubens und Rembrandt geworfen wurden; wie