Ihr Verhältnis zur Zeitkunst, —
Die Frömmigkeit,
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Das schönheitsdurstige Hellenentum war freilich nicht auf denersten Schlag zu gewinnen. Die platte Aufklärung witterte Unheil.Man hätte den jungen Künstlern ihren Realismus sowie die Nach-ahmung des als häßlich, veraltet Belächelten verziehen, wenn esihnen nicht so bitter ernst um den Glauben gewesen wäre. Undim Ringen um diesen änderten sie sich selbst. Sie waren unbe-fangen im Schaffen gewesen, jetzt wurden sie befangen in Fröm-migkeit; sie waren Realisten gewesen, jetzt wurden sie romantischeIdealisten.
Fromm sein ist gewiß ein guter Boden für das künstlerischeSchaffen. An sich macht es nicht befähigter zur Kunst; zahlloseFromme waren und sind nicht künstlerisch befähigt, nicht einmalkünstlerisch gestimmt. Den Malern war es gelungen, die Naturmit unbefangenen Augen anzusehen, kiudlich vor ihr zu empfinden;sie wollten nun auch religiös unbefangen erscheinen. Sie glaubtendies zu erreichen, indem sie zum kindlichen Glauben der alteuMeister zurückkehrten. Das ist ihr großer Irrtum gewesen. Dennman kann sich, wenn man ein Wissender war, nicht mehr zumNichtwissenden machen. Das Weib ist nnr einmal Jungfrau, siekann sich die Jungfernschaft weder durch Tugend noch dnrch Keusch-heit, am wenigsten durch die Absicht bloßen Vergessens wiedergeben.Der Mann ist nur einmal Kind, lebt nur einmal in der Kind-lichkeit; mancher länger als andere; aber keiner kann sich in dieverlorene zurückschrauben.
Man sah die alteu Meister für Vorbilder an, die nicht nurin ihren Formen, sondern in ihrem ganzen Denken nachgeahmtwerden könnten. Hielt man sich in dem ganz ungriechischenWeimar und Berlin für moderne Helleneu, so in dein ganz un-gotischen Rom für moderne Gotiker. Man glaubte an die eigeneWandlung oder hielt doch fest an der Absicht an sie zu glauben.Man rief so laut uach Frömmigkeit, daß viele sie zu haben glaubten,deren ganzes Wesen ihr doch so fern lag. Man wollte nicht ein-sehen, wie gewaltig sich die Lebensverhältnisse geändert hatten.
Wer in früheren Jahrhunderten der römischen Kirche feindwurde, hörte darum nicht auf christlich gläubig zu sein. Mankonnte die Nichtigkeit einzelner Dogmen, den Wandel der Geistlichkeit,