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V. Die Nomantiker.
die Einheit der Kirche als Regiment bekämpfen, ohne an den christ-lichen Heilswahrheiten zu zweifeln. Es gab gar kein Leben außer-halb dieser, seit die gnostischen Lehren, wie sie beispielsweise nochim Templerorden auftauchten, zu Boden geworfen waren. Manglaubte ohne Zweifel, man ward im Glauben geboren uud starbin ihm, und wenn man gleich zehnmal als Ketzer gefoltert wurde,alle Strafen der Kirche auf sich zog. Savonarola, Luther sinddafür Beweis. Aber die Philosophen des 17. und 18. Jahrhundertshatten die Lage völlig verschoben. Die Kirchen hatten sich dem Wandelnicht gewachsen gezeigt. Sie hielten die Geister nicht mehr völligumfangen, sondern forderten von ihnen Verzicht auf den Zweifel,also den Willen auf Glauben im Gegensatz zu dem in der Zeit-strömnng liegenden Ergebnissen des Denkens, die auf Unglaubenhinwiesen. Jetzt wird man im Zweifel geboren und soll denGlauben wählen; jetzt ist es ein Verdienst zu glauben. Man ist keingroßer Naturforscher, nicht einmal ein besonders Gebildeter, wennman von Elektrizität und Anziehungskraft der Erde etwas weiß. Esgehört das Wissen zum allgemeinen mittleren Besitzstand. Im Mittel-alter war man nicht dümmer, als es die Leute von heute sind, wennman weniger wußte, und war man kein tiefer angelegter, kein bessererMensch, wenn man glaubte. Es war nur ein Beweis dafür, daßman in seiner Zeit lebte. Fromm sein hieß einst ein guter Menschsein, weil eben die Überzeugung von der Wahrheit der christlichenLehre kein Verdienst war. Jetzt trennt sich Sittlichkeit undGlaube. Man kann ohne Sittlichkeit gläubig und ohne Gläubigkeitsittlich sein. Auf beiden Seiten wird man dies leugnen, sichHeuchelei vorwerfen. Aber gerade durch diese Vorwürfe bestätigtsich der Zwiespalt.
Die jungen Romantiker vertieften sich in die alte Kunst, inder sie Kindlichkeit mit Mystik gepaart fanden. Das Streben nachEinfachheit der Sitten, Nonsseanscher Herkunft, mischte sich mit demnach Einfachheit der Forin, heidnisch-griechischer Herkunft. Sie hättensich auch auf Savonarola berufen können, dessen Kampf ja auchdem Verfall der Kunst galt. Auch er hatte den Malern seinerZeit Weltlichkeit vorzuwerfen und sie auf den Inhalt der zuschaffenden Werke hingewiesen, da sie ihm zu viel Gewicht auf die