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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

religiöse Malerei aufgehoben haben. Sie sei vor dreihundert Jahrendes Todes verblichen und nur mit galvanischen Reizen zu neuemScheiulebeu zu erwecken. Die Stimmung des Mittelalters kann wohlauf Augenblicke uns ergreifeu, nicht aber zum Grundziel für unswerden. Man könne seine Zeit nicht verleugnen, man könne nichtdem Zeitbewußtsein Zwaug anthnn. Die menschliche Jungfrau, diezugleich eine göttliche sei, die außerhalb des Naturgesetzes empfangenhabe, giebt es nicht; es giebt eine jungfräuliche Mutter im Sinnedes sittlichen Wertes der Keuschheit der Ehe, aber nicht im Sinneeines Wunders, eines unbegreiflichen Daseins. Bischer glaubt esdem keuschen, reinen, bezauberuden, rührenden Mädchen nicht, dieOverbeck als Madonna uns darbietet, daß jeues Kind das ihre sei,sie sei dazu zu sittlich. Das Bild sei schön, die Madonna abereine Unmöglichkeit. Die alten Maler, die konnten dergleichen malen,sie brauchten sich nicht erst in die Anschaunng eines Kindes zu ver-setzen; und selbst wenn wir dies könnten, würden wir sie, die Ur-sprünglichen, doch nie in ihrem Empfinden erreichen, nie ihnengleich werden. Wozu aber Besseres schlechter wiederholen?

Der Aufsatz Wischers ist mit dem Schwung eines Mannesgeschrieben, der sein Ich einsetzt, um eine ihm falsch erscheinendeAnsicht zn vernichten. Die ganze Leiter der Empfindungen vomleidenschaftlichen Ernst zum hellauflachenden Hohn in meisterhafterBeweglichkeit. Eine Kritik, wie nicht viele in deutscher Sprache ge-schrieben worden sind, trotz Lessing . Aber geschadet hat sie Overbecknicht. Noch immer steht Zahllosen das Magnifikat nnter dengrößten Werken aller Zeiten. Bischer hat die religiöse Malerei imSinne Overbecks nicht zu vernichten vermocht, so wenig wie seinFreund David Friedrich Strauß den Wunderglauben durch diegeistvolle Einführung des Mythus in die Erklärung des NeuenTestaments.

Eiue Reihe von Künstlern nahm Overbecks Anregung auf.So zunächst die römischen Genossen: die Veit, Ed. Steinte, JosefFührich seien genannt. Führich ist unter ihnen der tiefste, einsinniger, jeden Borgang vor der eigenen Seele entfaltender Künstler.Ein Meister, in dessen Art sich zu versenken wohl lohnt, derso viel Eigenes zn geben hat, wie nur wenige in unserem Jahr-