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VI. Die historische Schule.
aufmerksame Beobachter diesen, wie schon vorher die Maler, ge-nötigt etwa im Schlachtenbilde viele Pserde zn schildern, die Reihevon Stellungen des bewegten Rosses außerordentlich vermehrt hatten.Daß in seinem Laufe irgendwo ein RückPendeln, ein Ruhepunkt sei,ist wieder einfach falsch; daß man eine Stellung, die der Körpereinnehme, im Gedächtnis festhalte, gleichfalls. Der Weg ist einumgekehrter. Wir Laien sehen nur die Bewegung, die wir durchdie Kuust kennen, und der, der keiu gezeichnetes Pferd sah, hatüberhaupt keine Ahnung von dessen Stellungen während des Laufes,er sei deuu ein Künstler. Das heißt also: das Festhalten anbestimmten, dem Beschauer als Ruhepunkte erscheinenden Bewegungenist schlechtweg Festhalten au alter Kunst. Wie das Auge ge-schwinder wird, um einen Ausdruck des alten Barockmaters Pozzozu gebrauchen, sieht es mehr Bewegnngsformen; und dann drängtes deu Künstler, sich in ihrer verwickelteren Bildung zn versuchen,das Gedächtnis des Nichtkünstlers um neue Stellungen zn be-reichern.
Das Bewegte kann also nur dort wirksam dargestellt werden,wo die Künste Freiheit in der Entwickelung haben. Thorwaldsen,Rauch, Nictschel war ihrer Natur nach das Heftige, Leidenschaftlichefremd; Hähuel, der es streifte, wagte sich damit über das Fachbilduicht hinaus, das ja mit der Zeichnung die Gebundenheit an einenHintergrund gemein hat. Es fehlten der deutschen Bildnerei Ar-beiten wie Rüdes Gruppe am Pariser Triumphbogen, wie Carpeaux 'Tanz, die beide ja auch an eine Wand gelehnt, doch von vielfreierer Durchbildung sind. Wohl nahm man in Deutschland mitEntzücken Kiß' Amazouenkampf am Berliner Mnsenm hin, manpries die Gruppen auf der Schloßbrücke zu Berlin . Aber es fehltelange ein Können, wie es Pradier entwickelt hatte; es fehlte jeneFeinheit einer an der Renaissance Italiens geschärften Durchbildungder Bewegung in den Körpern.
Wenn man etwa um 1880 und in der Folgezeit, die Bildnereibetrachtend, aus den Ansstellungssälen von Berlin, München undDresden in jene von Paris, London oder auch der italienischenStädte kam, so glaubte man ein Paar Jahrzehnte zurückgelegt zuhaben. Eiu stiller, behäbiger Ton bei uns, eine Reihe von glatten,