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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Die Leidenschaft in der Bildnerei,

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des eigentlichen Ausdrucks, der seelischen Verfeinerung entbehrendenBüsten, Einzelgestalten und Gruppen griechischen Inhalts. Allevon der gleichen klassischen Rundung der Körper, ohne scharfeSondernng der Menschenarten oder gar des einzelnen Ich. DieKinder wie kleine Männer, die Granen von jener keuschen Ge-schlechtslosigkeit, welche uur ein Zwitter empfindet, die Männermit schweren, mir bis zu einer gewissen schönheitlichen Grenze denKnochen- und Muskelban zeigenden Gliedern. Alle in ruhigerHaltung, alle bedeutungsvoll dem Inhalte nach, aber die meistenvöllig unverständlich für den, der nicht die Kunstsprache der Griechenzu lesen verstand, oder den, der sich nicht durch die Erklärung imKatalog belehren ließ.

Eine der Malerschule des Piloty entsprechende Entwickelunggab es nnr in bescheidenem Maße. In München wurden dnrchJosef Knabl eine Zeitlang erfolgreiche Versuche mit der Gotikgemacht, doch bald erstickten sie in der Gleichmäßigkeit der kirch-lichen Aufgaben. Jene mit der Deutsch -Renaissance, die durchKonrad Knoll mit seinem Fischbrnnnen in München eingeführtund der dann die ungeheure Menge der Landsknechte und Edel-fräulein, der Knappen und Ratsherren folgte das alles konntefür den Ausfall in der geschichtlichen Entwickelung der Kunst nichtentschädigen. Lorenz Gedon schuf zwar seinen Hnnnen, einenReiter von heftigster Bewegung, bepackt mit allerhand Gerät, inder Absicht, der dürftigen, leeren Altbildnerei ein Schnippchen zuschlagen, am Unerlaubten zu zeigen, daß dergleichen doch gehe.Der Günsedieb von Robert Dietz in Dresden eroberte sich ansallen deutschen Ausstellungen erste Preise, um seiner vielseitigenBewegung willen. Eine Hand hält, eine hascht eine Gans, die Knieebiegen sich zusammen, nm diese aufzuhalten. Eine Bewegung, dienach den Formengesetzen der alten Schnle ästhetisch unmöglich abermeisterhaft durchgeführt ist. Karl Schlüter vertiefte den Realis-mus durch liebenswürdiges Nachempfinden der weichen Linien desjugendlichen Körpers, durch ein sinniges Versenken in die Schönheitdes erst erblühenden Leibes. Die Thätigkeit in den Werkstättenward immer mehr angespornt von dem Dränge, aus dem alten,ausgefahrenen Gleise herauszukommen. Kein Wnnder, daß der