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VI. Die historische Schule.
Karren oft in eine schiefe Lage kam, daß die Fahrt holperig undungleich wurde. Auch die Bildhauer gewöhuteu sich mehr undmehr daran, ins Ausland zu gehen. Namentlich Belgien bildetevielfach das Ziel; das hohe technische Können der italienischenMarmorarbeiter wurde nicht mehr in alter Weise belächelt; wie inder Malerei erkannte man auch iu der Bildnerei den Wert desStofflichen au.
Im Auslande herrschte schon langst das lebhafte Streben,Geschlecht und Persönlichkeit schärfer, als es die idealistische Schulethat, festzuhalten. Unter dem Einflufse Donatellos begann ein er-neutes Studium des Modelles und zwar endlich ein solches, dasnicht alsbald die Natur zu verbessern strebte, sondern im Wieder-geben ihrer Einzelerscheinungen, im Verzicht ans Verallgemeinerungenihre Aufgabe sah. Schlanke Bubeu, Mädchen aus den Jahren desEmporschießeus kurz vor der Reife; Fraueu in der Zeit, in der diebescheidene aber straffe Musknlatur noch nicht überdeckt ist von ab-gleichender Fettschicht; Jünglinge in der Zeit der harten Umrißliniennnd Greise mit den Spuren des Verfalles; in allen aber dieneu erwachte Luft nach Natnr, die Trunkenheit von der Wahrheit,das Streben die Bewegnng festzuhalten, zn lernen, wie die MaschineMensch in ihren Kugelgelenken läuft, wie sich die wichtigsten Teileihres Aufbaues, die Gliederansütze zu den Bewegungen verhalten.Und wenn diesen Bildhauern eine Bewegung klar vor Augen stand,wenn sie erkannten, wie sie diese bildlich festhalten, dein Beschauerglaubhaft macheu konnten, so suchten sie das auszuführen, un-bekümmert um die Frage, ob dies ein Augenblick der Ruhe in derBewegnng sei und was die Ästhetik dazu sage. Sie erweiterteneben den Umsang der als plastisch möglich erscheinenden Bewegungen.Die Alten in Frankreich, Belgien und England kreuzigten undsegneten sich vor dem bildnerischen Gottseibeiuns, der in die Kunstgefahren sei; die deutscheu Meister freuten sich, nicht so zu sein wiejene, umhüllten keusch ihre Gestalten weiter, die auch enthüllt keinGemüt zu erregen vermochten, und wiesen aus die Unsittlichkeit,zu der die neue Kunst jene führe, die sich am Fleische begeistern.Den Franzosen warf man als ihren Hauptfehler in der Bilduereivor, daß sie das Machwerk über den eigentlich plastischen Sinn,