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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Die Renaissance-Anklänge. Französische Einflüsse. 427

das rhetorische Pathos über die Empfindung stellen. Man wirdselten, sagt Springer, an einer modernen französischen Statue vorüber-gehen, ohne von ihrem wirkungsvollen Schein getroffen zu werden;sieht man näher zu, so erkennt man statt des gedankentiefen Werkesdie hohle Phrase. Ähnlich äußert sich Lübke: Der sinnliche Reizder Erscheinung beherrsche die Kunst, der Realismus spreche allenGesetzen der Bildnerei Hohn. England, heute das Porbild Europas ,nannte man das in der Knnst am tiefsten stehende. Springer, deres kannte, fehlte gänzlich der Blick für seine Eigenart. Frankreich warwenigstens in der modischen Gesellschaft beliebt: Abgüsse nnd Nach-bildungen französischer Werke fanden sich zu Tausenden in Deutsch-land . Den vornehmen Leuten war die Liebe zu ihnen trotz allenästhetischen Bußpredigten uicht auszutreibeu. Die Blüte der großenPariser Broucegießereien Barbedienne, Delafontaine, Susse u. a. istbegründet auf dem Unbehagen jener, welche au der Kuust Freudehaben wollten, aber bei dem, was die Deutschen boten, bei zu sauren:Ernst oder zu süßeu Freuden, abgestandenem Griechentum oder über-zuckerter Lyrik sie nicht fanden. Auf jeder Kommode in der antenStube stand eine französischePendnle" mit zwei Leuchteru ge-schaffen eigentlich sür die Kamine, aber übertragen auf deutscheWohnart. Und auf der Pendulc ein vergoldetes Bildwerk in derfeinen, lüsternen Art des Clesinger, aber doch in gewissem Sinnefrischer als das, was in Hühnels oder Bläsers Werkstätte geschaffenwurde, weil in den Gestalten eine herzhafte Bewegtheit war. Pferde,die sich bisseil, srei nach Delacroix , Jagdftücke, Liebespaare, Schäferfast iu der Art des Meißner Porzellans, vergoldet, doch in mehrerenGoldtönen auch malerisch behandelt. All das war gemacht miteinem starken Augenblinzeln nach dem Geschmack der blöden Menge.Aber es erschien ihr nicht so unsäglich langweilig wie Venus be-schneidet Amor die Flügel und ähnliche klassische Geschichtchen inreizlosem, gänzlich hausbacken gewordenem Idealismus.

Der Bildnerei war vollends seit 1870 der Zusammenhangmit den anderen Böllern abhanden gekommen. Sie war in ihrerSelbstzufriedenheit regungslos stehen geblieben. Es gab nur sehrwenige, die sich noch mühten, selbst etwas zu sagen. Die SchuleRauchs, Rietschels und Hähnels lastete aus ganz Deutschland als