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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

eine bleierne, unbewegliche Masse. Man schien sich darein gesundenzu habeu, das; die Bildnerei eine Kunst der Langeweile sei. Znlange hatte sie bei den Gedankenkreisen verweilt, auf die sie einegroße, aber de5 stark pvchenden Schlages gesunden Volkslebensentbehrende Zeit hinwies. Begas großes Verdienst ist sein Bruchmit der alten Schnle. Ihren Anschluß sand die Bildnerei mindadurch, daß sie sich den Bedürfnissen der Zeit einordnete, daß siewieder znr Gehilfin der Baukunst und des Kunstgewerbes wurde.Wirkung zn erzielen, bewegte Massen von lebhaftem Umriß znschaffen, war ihr nächstes Ziel. Der wachsende Reichtum wies ihrden Weg auf diese Gebiete, die Wiederaufnahme baulicher Stile, iudenen sie eine dekorative Aufgabe zu erfüllen hatte, unterstützten dieWandlung. Iu raschem Umschwnng wurde aus einer Bildnerei,die selbst im Schmuck des Hauses große eyklische Gedanken gebenwollte, eine solche, welche die Menschenleiber mit Makarts reinschmückender Auffassung verwertete, rasch uud sicher schuf, unbesorgterum den Gedanken, vertrauter mit deu Formen des Lebens und vorallen mit jenen der vergangenen Stile.

Hervorgegangen aus diesem Suchen nach den Mitteln, ansdem Streben nach erweitertem Können ist auch die kunstgewerblicheBewegung der siebziger Jahre als eine wesentliche Leistung derPilotyschule. Ich werde nicht leicht die tolle Nacht vergessen, dieich am 4. September 1883 mit Lorenz Gedon durchschwärmte,der so bald darauf sterben mußte. Ich weiß noch den Tag, dennich hatte den zögernden Münchenern zum Trotz die sofortige Grün-dung des Verbandes deutscher Kunstgewerbevereine am Vormittagdurchgedrückt. Man trank mir zu als dem Vater des Verbandes.Das Durchlesen des damals erschienenen Berichts vom zweiten Kon-greß hat mir die Verhältnisse wieder voll ins Gedächtnis gebracht.Damals war die deutsche Renaissance in vollster Blüte, Gedonhatte in dein Hause des Grafen Schack in München ein rein male-risches Werk geschaffen, das zwar, wie dieFliegenden Blätter "es zeichneten, etwas nach dem Pfefferknchenhünschen des Märchensaussah, aber doch einmal in der Zeit akademischer Langeweilevon einer erfrischenden Fülle der Fehler war. Um ihn und seineFreunde war die Kunst der Raumausschinücklmg mächtig erblüht.