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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Gedmi. Die kunstgewerbliche Bewegung.

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Man liebte den tiefen Ton, den Einklang von Farben, die deroricirtalische Teppich lehrte, man liebte die vollen, massigen, wuch-tigen Gestaltungen der deutschen Spätrenaissanee. die tiesbraunen,reich geschnitzten Eichenmvbel, das bräunliche Altgöld der Geräteund Rahmeu, die olivengrünen Wandbekteidungen, die behäbige unddoch mit ihrem Besitz Prunkende Pracht der Ratsstuben des 16. und17. Jahrhunderts, die Butzenscheiben und bunten Malereien an denFenstern lind die wuchtigen Holzdecken. Gedon war eben auf demWege, zum Barock überzuschwenken, indem er in diesem Stil einpaar Thüren meisterhaft schnitzte. Ich hatte mit der Herausgabevon Werken des Rokoko begonnen, stand mitten im Studium derVuinst des 17. und 18. Jahrhunderts. Noch war die Begeisterungsür den wieder entdeckten Stil ein Gut nicht eben Vieler, noch ent-fernte Geheimrat Lüders, der fürsorgliche Leiter der preußische»gewerblichen Schulen, die dem Rokoko angehörigen Blätter ans denden Lehrern zu überweiseudeu Werken, damit diese nicht auf zopfigeGedanken kämen. Durch die Münchener Werkstätten ging damalsdie neue Losung. Nicht Paolo Veronese, sondern Tiepolo sei derrechte Mann, von dem man lernen müsse. Fenerbach fand miteiniger Überraschung im Würzburger Schloß die Borbilder zu vielenbewunderten Porwürsen ans jenen Tagen nur mit Hinweglassungvon Tiepolos farbenseligem, leichtem Pinsel.

Die kunstgewerbliche Bewegung war von Wien ausgegangen.Ursprünglich als ein Werk von Gelehrten! an der Spitze steht Eitel-berger von Edelsberg und Armand Freiherrn von Dum-reicher, den man jetzt gern in den Hintergrund schiebt. JakobFalcke, Bruno Buch er in Wien , der Broncegießer von Millerin München und andere aller Orten nahmen die Gedanken auf,die Wieu aus der Weltausstellung vou 1867 mit heimgebrachthatte. Das Vorbild hier war London und iu London waren eszwei Deutsche gewesen, die den Gedanken, erzieherisch durch Museenund Schnlen auf das Gewerbe zu wirken, angeregt hatten: der Prinz-gemahl Albert und der politische Flüchtling Gottsried Semperein ungleiches Gespann. Joh. Wilh. Appell, Bibliothekar am South-Kensington-Museum , erzählte mir von dem Eifer, mit dem die Eng-länder die deutsche Herkunft ihrer Anstalt vertuschten, wie ungern