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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

sie sogar jene der Museumsgegenstände anerkannten, da England selbst so gar bettelarm an alter gewerblicher Kunst ist. Weiterhinauf kann man die Gedanken der staatlichen Fürsorge für kunst-gewerblichen Unterricht in Preußen bis auf Schinkel und Beuthverfolgen. In Sachsen und Württemberg waren Industrieschulenschon lauge vorhanden, in Wien aber kam zuerst ein frischerer Geistin sie, und zwar Semper folgend, jener der italienischen Renaissance,die sich auch unter dem Einfluß Ferstels und seiner Schnle lange,allzulange aufrecht erhielt. Selbst Makarts dekorative Pracht hatdie Wiener nicht von ihrer immer nüchterner werdenden Anhäng-lichkeit an die Florentiner des endenden 15. und die Lombardenund Benetianer des beginnenden 16. Jahrhunderts losreiße» können.1873 erschien Wilhelm Lübkes Geschichte der deutschen Renaissance.Vorher hatte fast mir Pfnor, ein in Paris lebender Deutscher,durch Aufmessung des Heidelberger Schlosses, nnd Wilhelm Bäumer,ein Stuttgarter Architekt, auf deu Stil hingewiesen, dessen unge-heurer, durch Lübke aufgedeckter Reichtum damals ebensoviel Jubelwie Erstaunen weckte. Man sehe, was beispielsweise Ernst Förster noch 1855 über die deutsche Renaissance sagte: Sie ist eitel Willkür,Mangel an organischer Entwickelung und Vorbildung, Bedeutungs-losigkeit der Formen, Mißverständnis und Verunstaltung der Antike,Uberwucherung durch Schmuckgliedcr!

Wie in der Malerei, so galt im Kunstgewerbe als erstes Zieldie Eroberung der Techniken. Nicht die Formen waren es, diedamals zumeist zur Nachahmung reizten, sondern das aus ihnenherausschauende handwerkliche Können. Gerade daß es nicht großeMeister waren im Sinne der nun schon zu reichlichein Überdrußjedem Schnljuugen der Kunst vorgehaltenen Führer, sondern daßbiedere Handwerksmeister etwas Derbes, Knolliges, Gemütliches,Bürgerliches mit sicherem Können geschaffen hatten, während esbei den großmögenden Herren an den Akademien gerade hiermithaperte, das schuf der Deutsch -Renaissance die eifrigsten Freunde.Sie war eine weitere Antwort auf die Lehre vom Vorherrschen desInhalts, der Formgesetze. Die Meister von Nürnberg und Augs-burg, von Dresden und Prag hatten diese Gesetze nicht gekannt.Sie hatten einfach etwas Schönes aus ihren Materialen machen