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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

Ebe, jener mit teilweiser Benutzung meiner ihm geliehenen Nieder-schriften, hatten das Geschick, mir mit ähnlichen Arbeiten, wiemeiner lange vorbereiteten Geschichte des Barockstiles, zuvor-zukommen. Wer Augen hat zu sehen, und Ohren zn hören,schrieb damals Pietsch, muß erkannt haben, daß in Deutschland dieZeit des ausschließlichen Triumphes der ueneu Renaissance bereitswieder ihrem Eude sich nähert; Barock und Rokoko seieu ihre Erben.So wenig den Klassikern ihr Wehe über das Kommen der Renaissancegeholfen hat, so wenig werden sich die Meister dieser des Neuen zuerwehren vermögen. Die Zeit des Hasses gegen die Zeit, die einenFriedrich den Großen gebar, mnßte enden, die ungeheure Fülle desin Deutschland im 17. und 13. Jahrhnndert, namentlich in denSchmuckkünsteu Geleisteten dnrfte dem Studium uicht länger ent-zogen bleiben.

Diese Bestrebungen, sich an den letztvergangenen Jahrhundertenund ihrer größeren technischen Meisterschaft Rat zn holen, warenvorwiegend von Deutschland aus geleitet. In Frankreich hattemau wohl auch die Schlösser Ludwigs XIV . und XV. nach derRevolution in ihrem Stil erneuert, diesen eine Zeitlang in Mvdegebracht. In Deutschland hatte man damals kein Verständnis für sie,ja nicht einmal in Frankreich kam es zu einer ernsten Wiederaufnahmedes Stiles, dem dort der Sonueukönig seines Wesens Stempel auf-gedrückt hatte. Nur im Gewerbe, uur in der von den Meistern derhohen Kunst unabhängigen Modeentwickelung wurde dem Stile mitbescheidenem Verständnis gehuldigt. Hatten doch Reste deS Rokokoüberall die klassische Zeit überdauert. Man fand sie an jedemRahmen, jeder Sofaschnitzerei in verwilderter Gestalt. Ein ziemlichwüster Naturalismus, ein eigentümliches Versteckenspielen war Ge-brauch geworden. Der Schirmständer, der wie ein Pudel aussah,und der Stiefelknecht, den man zur Pistole zusammenklappen konnte,die sogenannten Attrappen waren besonders beliebt. Namentlichherrschte eine Scheu vor der Wahrheit im Stoff. Getragen vomGedanken, daß die Form und die Farbe die Dinge schön mache,war man zur Gleichgültigkeit gegen den Stoff gekommen. Die SchuleSchinkels, Berlin , ging hierin am weitesten: jeder Ofen wie einMarmor-Grabdenkmal, jeder Schrank mit den dem Stein entlehnten