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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Deutsches Barock. Einfluß der Pilvtyschule,

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Formen, Pilastern lind Gebälk, überall weißer, schwarzer Anstrich,Vergoldnngen. Die guten alten Mahagonischränke galten für häßlich,rveil man ihnen vorwarf, daß sie mit dem Material prunkten,also mit einer minderwertigen, nicht formalen Schönheit. Nur inHannover , wo die Gotik englischer und französischer Herkunft sichbegegneten, namentlich unter Edwin Opplers Einfluß, hatte manSinn dafür, daß sich Form und Bau eines Gerätes aus dem Stoffergeben müfse. Mit der deutschen Renaissance lernte man auf dieDurchbildung der Arbeit, aus die sachgemäße Behandlung des Stoffes,auf die ihm abzugewinnenden Reize Wert zu legen. Die meistenNachbarländer folgten den Deutschen in ihren Bestrebungen. Jeden-falls hatten sie deu Vorteil, daß unsere Gewerbetreibenden etwasschufen, was uns gefiel, daß sich ein nationaler Geschmack bildete.Die Münchener legten das Hauptgewicht auf die vollendeteDurchbilduugdes Einzelstückes, die Sachsen und Rheinländer auf die Schaffung einerMassenindustrie. Beide Bestrebungen hatten ihre volle Berechtigung,wnrden überall gepflegt: die Schweiz, die Niederlande, Skandinavien folgten den von Deutschland gegebenen Anregungen. Das Ergebniswar, daß sich die Zahlen der Ein- und Ausfuhrstatistik fürLuxuserzeuguisse rasch zu Gunsten Deutschlands und zum NachteilFrankreichs veräuderten. Die systematische Durchbildung des ganzenkunstgewerblichen Unterrichts, wie sie in Sachsen und in Württem-berg am glänzendsten erreicht wnrde, ist wohl nicht geeignet, stilistischeWandlungen hervorzurufen, eine Mode zu erzeugen das kannnnr eine Reihe ineinandergreifender Verhältnisse und Vorkehrungen wohl aber dem Gewerbe Kräfte und Mittel zuzuführen, die ihmim Welthandel den Sieg erleichtern.

Daß Deutschland auf dem Gebiete des Kunstgewerbes überhaupteine Rolle spielt, hat es nicht zn kleinem Teile der Pilotyschule zudanken, der ersten, die in ihren Bestrebungen die Gesamtheit desVolkes umfaßte. Und wenn uns heute die altdeutschen Bierstubenund die Makartbouauets, die Humpen, aus denen man nichttrinken, und die Möbel, die man nicht bewegen kann, die tieseStimmung der Zimmer und die Erker und Giebel der Hänserlangweilig geworden sind, ja widersinnig erscheinen, so sollen wirnicht vergessen, daß sie seit etwa 1870 in Gebrauch sind, daß sie

Gurlitt, 19. Jahrh. 28