434
VI. Die historische Schule.
also fast ein Menscheiialter Modi? blieben. Und das ist für unserhastendes Leben sehr lange, ja schon zn lange. In dieser Zeitaber brachten sie uns nicht nur Gefallen, sondern die Möglichkeit,ein Volksgewerbe zu schaffen, nns im Geschmack von Frankreich zusondern und so uns selbst zu finden.
Der Realismus der Pilotyschule lag uicht allein im Hinblickauf die Natur, sondern auch in dem auf die Art der alten Meister.Er wurde deshalb, selbst wo er sachlich seiu wollte, in erster Liniefarbig, dekorativ. Und nach dieser Richtung schlug auch sein stärksterErfolg aus: im Gewerbe setzte sich seine Kunstart fest, hier wirktesie mit unvergleichlicher Kraft auf das ganze Volk.
Im Anfang hatte in Deutschland, wie in Österreich , dieMünchener Deutsch -Renaissance starke Gegner unter den Architekten,die auf andere Kuust eingeschworen waren. Ju Berlin herrschteum 1870 unbedingt die Schule Schinkels. Die romantischen Be-strebungen waren stark zurückgedrängt worden, die Tektoniker imSinue Böttichers schufen sinnvoll und gemäßigt. Ausschreitungenwareu streng verboten. Viel seine Arbeiten wurden geschaffen; Werke,die sorgfältig abgewogen, vornehm in der Empfindung, zierlich inder Gestaltung sind. Es kommt selten mehr zu der großen Auf-fassung Schinkels, man verliert sich ins Bescheidene, eben Genügende,aber man sieht jeder Linienführung die Liebe an, mit der sie geschaffenwurde. Die älteren Architekten rühmen noch heute Wilhelm Stier und Heinrich Strack als Lehrer, an deren mit spitzestem Bleistiftgezeichneten, außerordentlich zartfnhligen Arbeiten sie sich mit Dankerinnern. Strack ist mein Pate gewesen. Ich habe sein Schaffenaber erst sehr spät verstehen gelernt, lange eine starke Abneigung gegenihn gehabt. Sei es, weil er mir nie etwas, auch nicht einmal eiuSchokoladenplützchen geschenkt hat, wie es doch einem braven Paten ge-ziemt; sei es, daß ich später als Zimmererlehrling unter jedem Balkenzum ricsigeu Gerüst seiner Natioualgalcrie geschwitzt und gestöhnt habe,sei es endlich, weil mir für die Palmetten- und Rankenseligkeit derBerliner Schule noch nicht der Sinn aufgegangen war. Erst inspäteren Jahren habe ich mich durch deu iu meine Jugend fallendenHohn über die Berliner Hellenen zur Anerkennuug, zum Verstäudnisihres Strebens durcharbeiten können. Am frischesten war die Kunst