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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Wiener Bauthätigkeit, Hansens Bauwerke.

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und jeden Raum die Verhältnisse vorschreiben. Nur einer brachtees dabei nicht recht zum Flllgclheben: Der Geist des Einzelnen,des für bestimmte Zwecke dienenden Gelasses, der Gedanke, daßjeder Raum auch sür sich eiu Dasein führen und daß in einem5>ause verschiedenen Bedürfnissen gedient werden soll. So imReichsratsgebäude in Wien , der großen Hauptschovfnng Hansens,das wohl au Wucht, nicht aber au Gebauten und an Anmut derDurchbildnng die Werke Schinkels und Klenzes überbot. Undgerade diese ist ein Hanptersordernis für den Hellenisten, der nureine so bescheidene Zahl von Formengedanken anzuwenden in derLage ist. So auch an Hansens Wohnhäusern. Ich erinnere michmit Dank der schonen Tage, die ich im Palais des Barou Todeskoin Wien verlebte, jenem Bau, dcsseu Schanseiten Hansens Schwieger-vater Förster entwarf, dessen Inneres aber dadurch Bedeutung er-hielt, daß es bis auf die letzten Geräte hinab von Hansen gezeichnetund eingerichtet wnrde, daß sein Freund Rahl es ausmalte. Manhatte einmal gebrochen mit der Sitte, dem Tapezierer die Räume zuüberlassen, der, wenn etwas Hervorragendes geleistet werden sollte,sich Stoffe, Geräte und selbst die Künstler aus Paris kommen ließ.Aber ganz wohl fühlten sich die Wiener Bankherren in diesen feier-lichen Sälen nicht, die so fertig aus der Hand des Baumeistershervorgingen, daß sie selbst nicht wagen durften, irgendwo ihreEigenwünsche geltend zu machen. So wenig Wohl, wie der preußischeHof und Adel in den Schinkelschen Räumen, wie der DresdenerOppenheim in seinem von Semper eingerichteten Hause. Es istkein Zusall, daß Hermann von Todesko, der Sohn des Erbauers,Gedou nach Wien , und Baron Kastel, der Erbe Oppenheims,einen Franzoseu berief, um sich im Palais traulich künstlerischeWinkel Herrichten zu lassen, Künstler, die nicht aus das klassischeIdeal eiugeschworen waren, sondern auf die Lebensart ihrer Auf-traggeber achteten, fo sehr auch die Knnstgewerbler über die Zer-störung der idealen Werke tobten.

Prunkend und leer sehen uns heute Hansens Festränme an;die von ihm so gern angewendeten Vergoldungen ganzer Van-glieder helfen dazu mit; die einst gerühmte Farbigkeit ändert diesenEindruck uicht. Er arbeitet überall mit Massen; man sieht überall