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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

die starre Herrschaft des Systems, die Begeisterung für das geome-trisch Nichtige. Mir will scheinen, als sei der Heinrichshof, jeneriesige 9S Meter lange, 46 Meter breite Gruppe von fünfstöckigenZinshäusern gegenüber der Oper sein vornehmstes Werk. Vergleichtman ihu mit den Berliner Bauteil der Schinkelschulc in ihrerDürftigkeit, ihrem Aufeinandersetzen von Geschossen, so daß manes nicht vermissen würde, wenn über Nacht jemand eines heraus-zöge und das dritte aufs erste setzeu würde, so wird man zur ge-rechten Würdigung der Kraft gelangen, mit der hier eine schwereAusgabe überwunden ist: Die Masse von fünfmal 92 Fenster- undThüröffnungen wurde iu einem banlichen Gedanken zusammengefaßt.Man soll dabei nicht mit den Schwächen des Grundrisses hadern,mit den dunklen Treppen, den Lichthöfen von 2 Meter Breite undwohl 28 Meter Höhe. Sie wareu gegen das, was man sichvorher in Wiener Mietwohnungen hatte bieten lassen müssen, immernoch ein Fortschritt. Die festliche Größe, die Farbigkeit auchhier stand Rahl dem Architekten zur Seite die Vollsaftigkeit imganzen Entwurf traf den Ton des Wiener Lebens, gab für dieganze Stadt ein Vorbild des äußeren Glanzes, dem sie sich mitBegeisterung hingab, wenn auch wenig von ihm ins Innere derWohnungen draug.

Hauseu nannte seine Kunst hellenische Renaissance. Er hatteeingesehen, daß sich mit der Zurückhaltung der Berliner die wuch-tigeren Wiener Aufgaben nicht bewältigen ließen. Die Stadt, ihreBaulust, ihre Eigenartigkeit war zu groß, als daß sie sich indas Verstandessystem Böttichers hätte pressen lassen. Die Berlineralter Schule sahen den Wiener Genossen nie als zu ihnen gehörigan. Wien in seiner Lebenslust brach die stilistische Strenge.

Und daher war auch Wien durch geraume Zeit das Zielder jüngeren Berliner, die einsahen, daß es mit der Tektonikallein nicht wohl vorwärts gehe; daß sie jenen Bedürfnissen inihrer gelehrten Dürre nicht entsprechen können, die sich in Berlin nun auch geltend machen. Zu Ende der sechziger Jahre kam dastausendfach wiederholte Wort auf: Berlin wird Weltstadt. DerKrieg von 1864 hatte das Selbstgefühl geweckt, der von 1866brachte dazn den Frieden zwischen Regierung und Ständen, der