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VII, Das Streben nach Wahrheit,
Beweis eines geschärften Wirklichkeitssinnes nehmen wird. Gerade,daß diese Bilder so ganz gewisse Regungen in uns treffen, erscheintmir bedenklich. Nicht das Gezeter der Alten, sondern die eifrigeBewunderung der Jüngeren, meine eigene mit eingerechnet, machtmich stutzig. Das ist zu fein auf unsere nervöse Tagesempfindungeingestimmt, um in dem Sinne wahr zu seiu, in dem es Fiedleranklagt. Mir will scheinen, als werde eine spätere Zeit Lieber-mauus Bilder nicht mehr für eine Maske der Wirklichkeit nehmen,wie etwa jene eines alten Holländers. Gehört doch ebenso künst-lerischer Sinn dazu, sich in Liebermanns Bilder hineinzuseheu, alsetwa in die eines zeichnerischen Idealisten. Die Roßtäuscher wolltenvon Kaulbachs idealen Pferden nichts wissen; so gern Liebermannden Schweinemarkt malt, die Schweinehändler werden ihm seineBilder nicht abkaufen. Jener wollte im Pferd das menschlich-moralische Wesen, dieser im Schwein ein Stück des die Welt ver-klärenden Lichtes malen. Beides geht über deu Naturalismushinaus, wie ihn Fiedler versteht. Den giebt die naturwissenschaft-liche Bildertafel. Die Wissenschaft kann beide Darstellungen fürihre Zwecke nicht brauchen. Denn sie will weder die künstlerischeFarbe noch die künstlerische Form, weder das helle Licht, noch dieschöne Zeichnung. Sie will das Pferd, das Schwein in reinemWirklichkeitsbilde. So weit sie Liebermaun nicht brauchen kann, soweit steht sein Werk über diesem; so sicher ist sein Werk nicht unterder Fessel der Wissenschaft entstaudeu, sondern echte freie Kunst.
Es ist lehrreich uuter gleichen Gesichtspunkten Uhde zu be-trachten, den zweiten großen deutscheu Hellmaler. Er hat sehrsrüh einen anderen Weg eingeschlagen, indem er dem Gegenstandnicht gleichgiltig'gegenüberstand, sondern die neue malerische Auf-fassung an den ernstesten Aufgaben zu bethätigen strebte. Raschnacheinander erschienen seine Darstellungen aus Christi Leben.Sie erweckten womöglich noch mehr Widerspruch als LiebermannsArbeiten. Hier nur das Häßliche, bei Uhde aber dieses iu unmittel-barer Annäherung an das Heilige, dieses entweihend. Pecht sagt,Nhde habe sich zum Anwalt der Enterbten gemacht, des Proletarier-tnm verherrlicht, Christus als Proletarier heileud, müde und ab-geschabt dargestellt. Bei aller Hochachtung vor Uhdes Begabung