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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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545
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Sehnsucht nach neuer Vertiefung, Allerhand Versuche, 545

Überlieferung begründeten Recht, die protestantische lediglich aus demUnvermögen der Geistlichkeit, den Ernst des Strebens zu erkennenund zu würdigen, aus geistiger Lässigkeit.

In den Darstelluugen der christlichen Geschichte zeigen sich alleStrömungen des Jahrhunderts mächtig. Jede versucht zur Lösuugder Aufgaben das Ihre hinznzutragen, die Wahrheit in ihrer Weisezu ergründen. Wie alle ernste Kunst in der zweiten Hälfte desJahrhunderts, war auch alle ernste kirchliche Kunst realistisch.

Zunächst versuchte sie ihre Aufgabe mit Hilfe der Wissenschaftzu lösen. Als der englische Prärafaelit Holman Hunt seine Fluchtnach Ägypten malen wollte, er, ein Realist in der Absicht, nach An-sicht der Engländer ein Idealist im Ergebnis, ein Maler, dessenBilder dort als im hoheu Grade kirchlich gelten, war er auf einigeJahre nach Jerusalem gezogen, um hier seine Studien zu machen.Er berechnete, daß Christus sechzehn Monate alt war, als'die Fluchtstattfand, daß dies also im April geschehen sei. Und im April fander auf den Straßen nach Ägypten tiefen Schnee. Also malte erdiesen. Er suchte die Wahrheit, indem er mit dem Eifer des Ge-lehrten die Art der Bewohner Palästinas zu erforschen suchte, umso für seine Jungfrau, für den Christus den rechten Ausdruck zugewinnen. Die Bilder, ernste Arbeiten eines ernst Gläubigen,wurden anfangs mit Entsetzen zurückgewiesen nnd eroberten sichdoch langsam die Nation. Die Bürger von Liverpool, Geistlichean der Spitze, erwarben endlich die Flucht für ihre Stadt.

Adolf Menzel wollte Christus im Tempel darstellen: den Judenunter Juden. Es war ihm gewiß ernst um seine Aufgabe, er suchtean Klugheit nnd Reinheit in des Knaben Kopf zu legen, soviel ervermochte. Menzels Absicht war, seiner künstlerischen Natur uachden Vorgang so darzustellen, wie er sich wohl abgespielt habenmochte. Friedrich Eggers nannte dies damals rationalistisch, weilMenzel mit Verstand zu Werke ging. Dieser allein reichte aberselbst bei Menzels Können nicht aus, zu überzeugen, mit sichfortzureißen.

In beiden Fällen kann man sagen, daß sich die Kunst unterder Herrschaft der Wissenschaft befunden habe und durch diese un-frei geworden sei, daß sie die Wirklichkeit statt der Wahrheit ge-

Gurlitt, lg. Jahrh. 3S