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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Gebhardt.

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wie es Gebhardt ist, wenn er für die Heiligen ebenfalls das Ge-wand des 16. Jahrhunderts wählt. Dürer vergreift sich wohl oftin der Darstellung altertümlicher nnd fremder Trachten, weil dieHilfsmittel, solche zu erlernen gering waren; aber er hat genug ge-schichtliches Gefühl gehabt, um Karl den Großen insein Krönund Kleidung hoch geacht" darzustellen und Apostel in einem damalsnirgend üblicheu, aber durch die Überlieferung geheiligten Gewand.Savonarola bewirkte ähnliche Umkehr. Die Modegewänder schwandenaus den Bildern, nnd die Überlieferung kam zum Siege, Nafaelist schon sehr vorsichtig mit der Anwendung des Zeitkleides uud hatgewiß nicht gern Leos X. Befehl ausgeführt, diesen in seinerPapsttracht mitten in die Vorgänge der Stanzen hineinzusetzen. Nurdie höfische Gefälligkeit, die ihn von Michelangelo unterschied, dasmangelnde künstlerische Rückgrat hat diese von ihm selbst sicher alsMißgriffe erkannten Befehle ausführen lassen. Dagegen stellt nochPaolo Veronese Christus unter Leute seiner Zeit. Die Inquisitionhat dagegen Widerspruch erhoben, in Spanien ähnliche Bestrebungeneinfach verboten.

Die Frage liegt also nicht so einfach, wie die Idealisten zu-meist auuehmeu, die meiucn, zu allen Zeiten sei das Gewandin kirchlichen Bildern ideal gewesen; nur die Naivetät einzelnersei am Abgehen von diesem Gebrauch schuld. Rembraudt, derAntiquitätensammler, war sicher nicht naiv, sondern über diese Fragenklar. Wenn er Modernes in die Nähe Christi rückte, so that eres mit künstlerischer Absicht, im Bewußtsein, einen geschichtlichenFehler zu begehen, wie ihn z. B. der gelehrte Maler der Jesuiten ,Nubeus, nicht gern auf sich uahm. Ich glaube, daß jene die altenMeister so laut um ihrer Naivetät willen rühmenden Kunstgelehrtenirre gehen in ihrer Meinung, die im Gruude doch nur daraufberuht, daß fie sich so viel kenutnisreicher als jene fühlen.

Die Kunstgeschichte giebt also keine klare Antwort darauf,wie es mit der Kleiderfrage zu halteu fei. Die wahre Kleiduugsteht nicht fest; noch sind sichere Beweise nicht erbracht, wie siebeschaffen war. Man müsse denn des spanischen Malers Pachecoim 17. Jahrhundert erschienenes Buch als geeignet zur Belehrungbetrachten. Es regelt den künstlerischen Ausdruck durch die Vor-