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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
taufen könne. Das sagt nichts und reizt die Kritik, viel zu sagen.Man hätte auch den Namen Einer wählen können. Hildebrandsand dies wohl zu geistreichelnd und nannte den Marmor Männ-liche Figur.
Er that Recht daran. Denn seiner ganzen Knnstauffassunguach mußte er allen Geist jener Art, durch den ich der Kritik seineWerke zngäuglicher zu macheu beabsichtigte, ablehnen. Er warMarees' Genosse nnd ganz und gar darauf gerichtet, das schlichteDasein durch die Kunst zu geben, dies aber in vollendeter Kraft.Gerade der Verzicht auf Inhalt, das heißt auf allen nicht reinkünstlerischen, sollte sich in seinem Werke aussprechen. Ihm, deinSohn eines deutschen Professors konnte man nicht den Vorwurfmachen, daß es Unbildung sei, wenn er keinen Geist in seiner Bild-säule entwickelte. Er hätte ihr nur eine Scheibe in die Hand zugeben brauchen nnd er wäre ein Diskuswerfer geworden. Es laghier also eine Absicht vor: Hildebrand wollte geistlos sein. Hatte dieältere Ästhetik die Knnst des Bildhauers auf den Humor gewiesen,weil sie fand, daß es heutzutage etwas Ernsthaftes nicht mehr zuforme» gebe, so wollte Hildebrand zeigen, daß dieser Inhalt derVerderb der Kunst sei, deren Ziel auf die Verwirklichung desLebens, auf die klare Vorstellung von Raum und Form hinweise.
Diese Absicht ist auch aus seinen älteren Werken, dem schla-fenden Hirtenknaben und dein Trinker, ersichtlich. Schon meinBrnder schrieb in seinen Begleitworten zur Ausstellung: Wer eineWirkung von jenen Fignren empfängt, der empfängt sie nicht durchBeziehungen, die außerhalb des Kunstwerkes liegen, auch nicht dnrchvirtuose Reizmittel; er empfängt sie, weil er sich zu seiner Über-raschung gleichsam der Erscheinung des Lebens ganz unmittelbargegenübergestellt fiudet. Das uubeirrte Hinarbeiten auf thatsächlicheFormgebung, auf Unmittelbarkeit lebendiger Erscheinung nannte erHildebrands Ziel.
Der Bildhauer hat später selbst in seiner Schrift Das Probleinder Form Rechenschaft über seine Gedanken gegeben. Bezeichnendfür diese ist, daß er als Künstler wohl der erste ist, der seineLehre auf psychologischen Grund stellte, auf eine Untersuchung desVorganges beim Sehen. Er schreibt eine Sprache, wie sie der ge-