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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Hildebrands Lehre.

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lehrteste Ästhetiker nicht schwerfälliger und wissenschaftlich unver-ständlicher zustande bringen kann. Es ist sehr harte Arbeit, sichdurch das kleine Buch durchzuwürgen; es steht sehr viel darin,und das Viele ist so sorgfältig in Umständlichkeit eingepackt, daßes sehr schwer zu verstehen ist. Aber da der Inhalt reich und ernstist, wird er wohl bald aus dem Kreise der Gelehrten in den derMenschen hinübergreifen, wird das unsichtbare Siegel, das jetzt aufdem Buche liegt bald erbrochen sein: Nur für Professoren!

Hildebrand kennt zwei Arten des Sehens. Das eine Sehensieht die Dinge nach ihrer Länge und Breite, also in ihrem Um-riß, als Fläche. So sehen wir jedes Ding aus der Ferne. Dieandere geschieht nicht dnrch einen Blick, sondern durch ein Ab-tasten des Gegenstandes mit den Augen, durch eine Bewegung derAngen. Es ist die Art, durch die wir den Körper uach der Tiefeerkennen, also das Körperliche sehen lernen. Die Erfahrung desAbtastens giebt uns im Flächenbilde eine Anzahl Merkmale, diein unseren Augen eine Tiefenbewegung anregen. Es können sichsomit durch bestimmte Linienverbindungen, Flächenzusammenstcllnngen,Farbenwirkungen aus dem Flächenbilde Tiefenvorstellungen ent-wickeln. Das geschieht durch die Perspektive. Diese Vorstellungaber ist eine auf Erfahrung begründete, also schwankende. DasKind hat sie noch nicht; es erkennt nicht den Körper, nicht denRaum; es sieht nur die Fläche; es greift mit der Hand nachdem Mond; es vermag die Scheibe vom Würfel nicht zu unter-scheiden. Das Bild als Kunstwerk giebt nur den einheitlichenFlächeneindrnck. Es giebt in diesem aber auch die Merkmale, mitdenen wir erfahrungsmäßig die Vorstellung von Raum uud Körperverbinden; es zeichnet uns den Würfel in drei Ansichten. DasBild muß aber verzichten auf die Erfahrungsvorstellungen, dieaußerhalb des Flächenbildes liegen. Wir wissen nnd empfindendurch das Flächenbild, daß der Würfel sechs Flüchen hat, obgleichdie Kunst nur drei darstellen kann. Das Haus sehen wir als eineFläche; die Schrägstellung seiner Seiten bewirkt, daß wir unsein Bild seiner Körperlichkeit machen können. Wir sehen, durchErfahrung belehrt, daß das Haus vier Wände hat, selbst wennnur zwei dem Auge zugänglich sind. Die ältere Kunst stellte in