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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

ihren Anfängen den Bau womöglich so dar, daß alle Ansichtenwiedergegeben sind; nnr nach nnd nach lernt sie auf das Zuvielverzichten und erkannte, daß sie nur das im Bilde geben kann, wasder Blick von einem Punkte aus sieht. Sie giebt also nur denGesichtseindruck des Flächenbildes, dieses aber so, daß wir dieFormvorstellungen, den Tiefencindruck gewinnen, wie ihn die Natnrbietet. Der eigentliche Gennß am Kunstwerk ist für Hildebranddas Empfinden der Einheit zwischen Formvorstellung und Gesichts-eindruck, den keine Wissenschaft, keine andere menschliche Thätigkeitzu geben vermag. Der Genuß besteht demnach im Erkennen vonRaum uud Form im Bilde.

Nun fordert Hildebrand anch für die Bildnerei das Bild, nämlichden Flüchcneindruck, den der Umriß bietet. Die Ansicht des Werkesmüsse den vollen Eindruck des Körperlichen geben. Die Anregung fürden Tiefeneindruck müsse in der Gestalt selbst liegen. Das heißt: eingutes Werk muß durch den einfachen Anblick, schon durch den Um-riß über seine Tiefen- und Naumverhältnisse vollständig aufklären.Es solle eiue Hauvtausicht haben, in der das Flnchenbild sich reingiebt. Daher geht Hildebrand vom Flachbilde (Relief) aus undfolgt dariu dem geschichtlichen Weg der Bildnerei. Er sieht imFlachbilde nicht Gestalten von geminderter Körperlichkeit, die aufeiner Hinteren Fläche stehen, sondern ein Heransarbeiten von dervorderen Nelieffläche nach -hinten. Er fordert daher streng, daßdas Relief nicht aus dem vorstehenden Bossen, sondern aus dergeraden Fläche durch Vertiefen gebildet werde. Nur so kommenwir zu einem beruhigenden Bild der Körperlichkeit, zu einem Raum-bilds. Und selbst von der Freifigur fordert er, daß sie eine Relief-auffasfung zeige, indem sie einen klaren Umriß von jedeni Gesichts-punkte zeige. So lange sie sich in erster Linie als ein Kubischesgeltend mache, sei sie künstlerisch noch nicht gereift, erst wenn sieals Flaches wirke, sei sie wahrhaft künstlerisch, erst wenn sie zurBildwirknng führe, erreiche sie die Vollendung.

Michelangelo beschreibt das Heranshanen einer Gestalt ausdem Steiu so: man müsse sie sich im Wasser liegend denken. In-dem man dies langsam ablasse, sinke die Fläche zurück, wachse alsodie Figur aus der Fläche heraus, trete sie mehr und mehr über die