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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
591
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Hildebrands Lehre.

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Oberfläche vor, bis zur vollen Freiheit. Diese Schaffensart nimmtHildebrand auf. Er schafft die Bildsäule stets von einer Haupt-ansicht aus, zeichnet das Bild auf die Vorderfläche des Blockes,so daß mehrere Hauptpunkte nahe an dieser liegen. Und nundringt er schichtenweis in die Tiefe; die Rückwand des Reliefsversinkt immer mehr, bis sich die Gestalt völlig rundet.

Er erzielt dadurch eine Reihe bestimmter Vorzüge; nament-lich denkt er die Gestalt aus dem Block heraus, kauft uicht, wiees zumeist geschieht, deu Block für das fertige Thonmodell. In derBeschränkung sieht er ein Gesetz: die Gestalt soll durch die Grenzedes Blockes gebunden sein; man soll geistig den Block empfinden,aus dem sie stammt. In seinen Figuren an dem Wittelsbach-brunneu in München führte er diesen Grundsatz in augenfälligerStärke durch. In allen seinen Gestalten ist eine Geschlossenheitder Wirkung, die höchst überrascht und ihnen vor vielen andereneine Ruhe uud einen Ernst verleiht, Vorzüge, die durch nichts andereserklärbar sind, als durch die Erfüllung jenes Gesetzes. Namentlichan antiken Bildsäulen findet man es, einmal darauf aufmerksamgemacht, vielfach wirksam.

Diese psychologisch-künstlerischen Gedanken sind es, die ihn be-schäftigen. Und sieht man seine Werke daraufhin an, so findetman in ihnen eine ganz erstaunliche Lebenskraft. Sie überzeuge»in höchstem Grade von ihrer inneren Notwendigkeit, man stehtihnen niemals mit dem Wunsch nach Änderuugeu gegenüber, siegeben sich unbedingt richtig. In ihrer Einfachheit liegt ihre außer-ordeutliche Lebenswahrheit.

Hildebrand hat mich vollkommen von der Richtigkeit seinerAnsichten überzeugt. Ich habe aus ihnen heraus sehr viele Bildwerke,wie ich glaube, besser beurteilen gelernt; ich habe mehr noch alsvorher durch seiue Werke, jetzt durch seine Lehre den Schlüssel zumVerständnis seines Schaffens erlangt; und ich glaube, jeder der dieBildhauerei ernst betreiben will, werde gut thun, sich mit dieserLehre auseinander zu setzen. Nur eins! Sobald durch sie Grenzenaufgestellt werden, sobald sie das Urteil über gut und böse in derKunst einschränkend beherrschen soll, da kann ich mit Hildebrandnicht fort. Die thatsächliche Seite seines Denkens ist anregend,