604
VIII. Die Kunst aus Eigenem.
Und so mit Böcklins Seegestalten. Die gewaltige Ungezwungen-heit ihres Seins, das überwältigend Tierische ihrer Kraft, ihrerGesundheit, ihres Lebensüberschusses hat alle Leute von Geschmackabgestoßen. Seine Mißhandlung menschlicher und tierischer Körperverletzen das Formengefühl jedes regelmäßig gegliederten Geistes,sagte die Kritik. Es fehlte Böcklin an der Bildung: denn erstensPaßten seine Mischgestalten in keine Mythologie hinein, warenalso gegen die ganze Perückenordnung der Archäologie; und zweitenswaren sie anatomisch nicht richtig. Der berühmte BerlinerPhysiologe Dubois - Reymond hat Böcklin einmal gründlich denKopf gewaschen, aber mit jener Wäsche, die nicht naß macht;denn Böcklin hat sich schwerlich um seinen Vortrag gekümmert.Den Gelehrten empörte, daß noch ein Maler der Gegenwart, nach-dem so viel für die Wissenschaft geschah, vom Unterleib ab infette, silberglänzende Lachse auslaufende Unholde und Unholdinnen,die Naht zwischen Menschenhaut und Schuppenkleid spärlich be-mäntelnd, kraß realistisch auf Klippen sich wälzen oder in der Seeumherplätschern läßt. Er meint nun, die Menge staune dieseblauen Meerwunder als geniale Schöpfungen an. Er irrte hierin,wie ich aus genügender Erfahrung bestätigen kann. Die Mengewar ganz seiner Ansicht in der Verurteilung dieser Bilder undstimmte dem Gelehrten ganz zu, als er mit anatomischem Unter-richt dem Künstler zu Leibe wollte. Dubois hätte am liebstendas Bilden von Mischgeschöpfen, wie sie schon die Antike hervor-brachte, der Flügelgestalt der Nike, der Kentauren, des Panganz untersagt. Nur mit Mißbehagen sah er den Gigantenkampfvon Pergamon, die Giganten, deren Beine sich in Schlangenleiberverwandeln, die also auf zwei in Köpfe auslaufenden Wirbelsäulenstehen, auf Lebewesen mit gesondertem Gehirn, Rückenmark, Herzund Darmkanal, besonderen Lungen, Nieren und Sinnesorganen— das erscheint dem morphologisch gebildeten Auge ein unaus-stehlicher Anblick.
Wer kein Tropf ist, wird einsehen, daß der Gelehrte Rechthat. Die Böckliuschen Gestalten können, anatomisch betrachtet, nichtleben. Wer künstlerisch seheu gelernt hat, der wird wissen, daß oftdie anatomisch richtige Darstellung von Mensch oder Tier künstlerisch