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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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605
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Dubois ReMonds Einwendungen. Böcklins Märchenton. ggz

nicht lebt; nicht leben kann ohne jenen unerklärlichen Fnnken, derdem toten Stoff den Pulsschlag giebt. Künstlerisch leben dagegen dieGiganten von Pergamon und die Seeungeheuer Böcklins und zwarein starkes, gesundes, feuriges Daseiu. Ich kann mir wohl denken,daß dem Physiologen die Bilder einer unbefangen schaffenden Phan-tasie unausstehlich sind, ebenso wie einem Künstler die Art desPhysiologen, die Dinge anzusehen, mit dem Gedanken an die mitdem Messer aufzudeckenden Jnnenorgane. Die aus dem Widerstreitfür mich sich ergebende Weisheit ist: durch die Gelehrsamkeitlernt man nicht die Kunst verstehen; im Gegenteil, sie ist ein Hin-dernis zu ihrer Würdigung; denn sie ist nüchtern nnd anfs Zer-gliedern gerichtet. Jene ist eine Art sinnlicher Trunkenheit und anfsZusammenfassen gerichtet. Wer gelehrt malt, ist auf ebenso falschemWege, als wer die Wissenschaft phantastisch betreibt.

Böcklin ist in seiner Kunst nicht Humorist, er ist aber vollerausgezeichneter Laune; er ist so heiter, wie es nur eine echte Natur-seele sein kaun. Wie meisterhaft hat er Faune gemalt. Was siethun und lassen, ist meist nebensächlich; die Hauptsache ist, daß sielebeu, diese Rüpel der Felder: zottig, braun, ungeschlacht; alte,junge, mit plnmpeu, zugreifenden Händen, starken Mnskelu, viel zulangen Armen, nicht Männer mit Bocksfüßen, nicht Böcke mitmenschlichem Oberkörper, sondern trotz Dubois künstlerisch fertigeLebewesen. Nicht entstanden im Nachempfinden eines griechischenVasenbildes, sondern aus echt deutschen Empfiuduugen geschaffen; wieeinst das Volk Märchen schnf: im Ansspinnen der Eigenschafteines aus der Natur herausgefabelteu Weseus. Das, was Böcklin vorallen auszeichnet, das ist seine Kraft, die Dinge in das Gebiet desrein Künstlerischen zu ziehen. Daneben schwindet alles Störendehin: Das Antike hört auf antik, das Wissenschaftliche hört aufgelehrt zu seiu; die Erfüllung mit Malergeist setzt über Gegenstandund Inhalt hinweg. Immer ist das Bild zu allererst eiu Bild, einStück Natur, gesehen mit Küustleraugeu!

Das Schweigen im Walde was will das Bild? EineBeobachtung zuvor. Es ist ein kleines Gemälde, etwa zwei einhalb Spauneu breit. Doch in der photographischeu Nachbilduugwirkt es riesig; man könnte denken, die Gestalten seien lebensgroß.