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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII, Die Kunst aus Eigenen,.

Das kann man bei Böcklin oft beobachten. Aus den Bildernspricht innere Größe. Hier ein sonderbares Vieh, das durch dendunklen Wald geht; der Körper ist der des Pferdes, das Haarvom Lama, die Farbe vom Giraffen, die spitze Waffe vom Ein-horn. Es schaut mit wirrem Auge in die Lichtung hinaus. Eiuschreckhaftes Wesen! Und darauf ein Weib mit schillerndem Kleid,stumm, uachdeuklich, träumend. Das Eichhörnchen fährt erschrecktauf. Was bedeutet das? Ist das etwa die Poesie? Ist's eine andereDame alter oder neuer Götterlehre oder gar ein Sinnbild? DenNamen gab dem Bilde wieder mein Bruder. Böcklin selbstliebte es wenig, seine Bilder zu taufen. Es ist etwas Unerforsch-liches, dieses Bild. Wer dergleichen nie fühlte, der wird den In-halt freilich nie erjagen. Es war in der Nacht vom 18. zum19. November 1870; ich stand im tiefen Nebel, das Gewehr schuß-bereit, todmiide und doch pochenden Herzens. Man sah dennächsten Mann auf Vorposten nicht, obgleich er nicht dreißigSchritt entfernt war. Graue, triefende Undnrchdringlichkeit. Linksneben mir der Wald von Ardelles, nördlich von Chartres . AmMorgen hatten wir bei Chateauneuf gefochten, am Abend hierlebhaftes Feuer bekommen; viel gute Freunde lagen hinter unsauf den nassen Stoppelfeldern. Von Zeit zn Zeit fielen in derVorpostenlinie Schüsse. Eine Patronille kam zurück, mit durch-schossenem Helm der eine; mit blutendem Arm der andere. Unddoch ward das Schweigen im Walde gleich wieder so tief! Daplötzlich: lanter, eindringlicher raschelte es im Nebelgeriesel, wieSchritte dnrch die dürren Blätter. Da sah ich ein Wunderbares,Undeutliches aus dem Dickicht treten und als ich's anrief: Halt,wer da! da war's plötzlich fort. Was es war, ich weiß esheute noch nicht, wie ich auch nicht weiß, wen Böcklin in seinemBilde darstellt. Wer es mit dem rechten Namen anruft, wer esstille stehen heißt in seinem geheimnisvollen Wandeln, dem ver-schwindet es. Es giebt Dinge, denen gegenüber man klug thut,sie uicht erklügeln zu Wolleu.

Auch die heilige Geschichte hat Böcklin darzustellen versucht.Es wurden die dieser gewidmeten Bilder vielleicht am heftigsten an-gegriffen. 1876 entstand die Kreuzabnahme, Christus am Boden,