Biblische Darstellungen.
607
gestützt von Nikodemus und Josef von Arimathia , die Frauen undJohannes um ihn beschäftigt. Es ist augenfällig, daß der Leich-nam Christi verzeichnet ist, daß die Absicht nach Ausdruck zu einemZwiespalt in der Form führte. Wer aber nicht iu der Kunst nurSchönheit, das heißt, sein eigenes Empfinden sucht; wer vor sietritt mit der Absicht, in sich aufzunehmen was sie bietet, der wirddie wunderbare Kraft im malerischen Erfassen des Augenblickes er-kennen. Das war der idealistischen Zeit nicht gegeben. Man fandkeinen Ausdruck stark genug, um die Entrüstung über einen solchen An-griff gegen das Heiligste in Worte zu fassen. Man verstehe wohl:der Angriff bestand darin, daß der Künstler einen künstlerischenFehler beging, schlecht zeichnete. Das war sicher nicht seine Ab-sicht, es wird wohl niemand glauben, daß Böcklin einen solchenGegenstand für feine Kunst wählte, mit dem Willen, ihn zu ver-höhnen. Seine Fehler waren mithin das Nichterreichen eines mitunzweifelhaftem Ernst Gewollten. Man verwahrte sich auch uichtgegen sein Bild vom „beschränkt konfessionellen Standpunkt," sondernvon einem für höher gehaltenen, dem ästhetischen, gegen eine so brutaleBehandlung des menschlichen Körpers als des edelsten Objektesder Kunst. Also daher die Schmerzen! Die angeblichen Angriffeauf das Heiligste bezogen sich auf die heilige Ästhetik, eine Weis-heitsform, die über jener der Protestanten oder Katholiken — be-fchränkt Konfessioneller -— steht. Nicht der Christ, sondern derÄsthetiker lärmte gegen Böcklin . Der Christ aber kann des MeistersWerk nur mit tiefer Ergriffenheit sehen, selbst unter Anerkennungseiner Schwächen.
Im Jahre 1882 war auf der Wiener Internationalen Aus-stellung Böcklins Pieta über einer Thüre aufgehäugt. Wer daweiß, wie es auf Ausstellungen zugeht, dem sagt dies so viel: DasBild war eben nur noch aus Gnade von dem Aufnahmegericht,also von Künstlern, des AufHängens würdig befunden worden.Man lachte, nannte es den Regenbogen, in dessen Farben es schillere.Selbst der größte Farbenenthusiast, hieß es, ist nicht imstande, sichüber dies Kokettieren mit krassen Verletzungen der ästhetischen Formhinwegzusetzeu. Ich setze dem entgegen, was Max Lehrs in seinemhübschen, zum 70. Geburtstag Böcklins erschienenen Büchlein sagt: