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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

wahrlich nicht in der Technik allein, im bloßen Können. Mit In-grimm fällt er über die Specialisten her, z.B. über Mesdag,Achenbach;mit jenem Unwillen, den Schack an Feuerbach bemerkte und mißbilligte.Klinger wie Stauffer wollen das Können haben, nicht um sich dessenzu erfreuen, sondern um das Recht zu erwerben, es als Selbst-zweck zn verachten. Das lehrt ein Blick auf Klingers Skizzen-bücher. In den Zeichnungen nach der Natnr ist der Meister fertig,völlig mit sich klar. Es fehlt in diesen Skizzen jeder Zug vonPhantastik. Sie sind streng wie die eines Alten, sie sind sachlichbis in die letzte Linie, jedoch von einer Größe der Anschauung,daß sich das Modell unwillkürlich znm stilgerechten Kunstwerkumbildet. Klinger ist kein geistreicher Skizzierer. Er macht nichtmit drei Strichen eine Landschaft, in wenig Linien eine Figur.Er ist ein fleißiger Mann, der es sich sauer werden läßt vor denGegenständen, und der stundenlaug an einer Gewandstudie strichelt,bis ihm die Natnr endlich ganz verwirklicht scheint. Er selbst sprichtim Gegensatz zur Malerei vou eiuer Grisfelkunst. Er bedientsich des Vorteiles, daß die auf weißes Papier gezeichnete Gestaltgar nicht die Absicht hat, eine geschlossene Bildwirkung zu erzeugen.

Auch Stauffer nahm, von dem Kupferstecher Peter Halm angeregt, den Stich und die Radierung mit Eifer auf. Hier konnteer das Gesehene geistig frischer, müheloser erfassen in einer Technik,die er schneller überwand als das Malen. Auch hier schufen beideKünstler einen Umschwung iu der ganzen Auffassung des Kunstzweiges.

In rascher Folge hat das Jahrhundert diese großen Wand-lungen durchgemacht. Als die Königin unter den vervielfältigendenKünsten galt der Liuieustich. Volpato, Morghen und Loughi,die Meister, welche die Kunst des 18. Jahrhunderts ins 19. retteten,wurden allgemein als Führer verehrt. In Deutschland waren diebeiden Müller, Vater und Sohn, Banse, Steinla, JosefKeller, Büchel, Mandel, Jacobi die Fortführer dieser Kuust,jener schönschreiberischen Darstellung fremder Kunstwerke, in derder Stecher Jahrzehute lang mit Bienenfleiß Linie an Linie bauenmußte, um einen ruhigen, großen Eindruck zu gewinneu. Es bliebder Schweiß, die Schulmeisteret der gauzeu Kunstart immer anden Blättern hängen. Wohl feierte man diesen Stich als hohe