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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Neue Wege. Einheit der Kunst. Einfachheit des Inhalts. 625

einst Olivier und Schnorr von Carolsfeld mit gleicher Liebe gethanhaben.

Klinger ist technisch immer weiter gewachsen. Er blieb nichtbeim Realismus stehen, wie die Genossen um ihn, sondern er begannalsbald in Radierungen zu denken und zu dichten. Das Streben,das ihn wie seinen Leipziger Landsmann Richard Wagner be-seelt, geht auf das Zusammenfassen aller Kunst in einer schaffendenHand. Er erfindet, statt gleich den Alten die Gedichte anderer zuillustrieren; er zeichnet alsbald auf die Platte, statt einen fremdenEntwurf auf diese zu übertragen; er mischt Linienstich mit Radie-rung, Schwarzkunst mit Steindruck, während man bisher einen ge-wissen Stolz darin setzte, sie ängstlich zu trennen. Früher war es einKünstlergesetz, daß jeder sein Fach habe: Der malte Landschaft undder modellierte Tiere, jener war Historienmaler uud der Kupferstecher.Das junge Geschlecht greift über diese seit G. E. Lessing so eifrig fest-gestellten Grenzen hinweg und sucht nach der unbeengten Künstlerschaft!

Der Stich ist für Klinger geeignet, nicht nur die Gedanken ineindringlicher Form vorzuführen, sondern auch den Raum darzu-stellen in allen seinen Werten und Tiefen. Ja er wählt räumlichgrößere Gedanken für diesen, als für seine Bilder. Welche Flutvon Beziehungen in seinen Entwürfen zu dem Schicksalslied: Hölderlin und Brahms als Unterlage, Böcklin fortgestaltend. Klinger ist einKomponist, kein Illustrator; er steht dem Dichter gegenüber genauso frei wie der Musiker. Denn er beschäftigt sich nicht mit denBildern, malt nicht Gedichtetes, sondern er dichtet Malerei.

In seinen Bildern geht es meist einfach zu. Die stärkereRealität der Farbe bindet ihn fester, macht ihm die Gegenwärtigkeitder Dinge mehr zur Pflicht.

Da liegt lang hingestreckt der tote Christus. Hinter demSarge steht die Gottesmutter. Sie weint, oder richtiger, sie hatsich ausgeweint und sucht nach neuen Thränen. Das muß jederverstehen! Johannes drückt ihr die Hand! Wie er sie drückt,daraus kann jeder Milde, Liebe, Trost, Verehrung lesen. Beidesind stumm. Was ist auch iu so großem Schmerz zu sagen? Auchdie Bibel läßt sie schweigen. Ein schlechter Dichter gäbe beidenlange Trostreden, schöne Worte in den Mund.

Gurlitt, lg. Jahrh. 4V