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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
Da ist die Blaue Stunde. Drei Menschenkörper! Eiu Mädchensteht, sich müde dehnend; eines liegt in kühner Verkürzung; ein Jüng-ling sitzt hockeud da. Was will man mehr? Ein Bild in vollerDeutlichkeit des Ausdruckes, kein gemaltes Abenteuer, ein einfacher,malerischer Gedanke.
Oder das Urteil des Paris: der junge Hirt, die drei uacktenGöttinnen, jede in ihrem Ausdruck klar und deutlich! Keine Kom-position, wohl aber ein Bild. Das ist Mieder ein Grund mehr,warum diese Arbeiten die Künstler alter Schute empören, die inallen Kunstwerken Befangenen außer sich bringen. Gerade das,was sie nun endlich als schön empfinden gelernt hatten, wird ihneniu den Staub gezogen. Da greift etwas an eiue ihrer bestenFreuden, ein Fremdes, Zerstörendes. Sie sehen ein, daß die Arbeitdes Geistes neu beginnen müsse, wenn sie auch nicht begreisen,warum sie den neuen Weg einschlagen sollen. Und sie sind jaso müde, so unlustig weiter zu gehen. Warum Neues, Weites!Wir bleiben sitzen! Wehe dem, der uns stört!
Marces' Gedanken treten bei Klinger oft in überrascheuderWeise in Geltung. Nicht, daß er Schüler jenes sei. Beider Wegberührte sich nicht. Aber Gedanken fliegen auch ohne leitendenDraht von Kopf zn Kopf. In der Absicht, vor allem den Raumim Bilde darzustellen, kamen beide zu einer bestimmten, einfachstenAnordnung der Figuren, nämlich zu der, welche die Natur selbstin der Regel bietet. Ein Stück wagrechten Fußbodens, gleichlinigmit ihm einen wagrechten Horizont; davor die lotrecht stehendeGestalt. Das scheint sehr einfach, aber es ist diese Naturanord-nung seit Jahrhunderten der Kunst entfremdet. Sie forderteLinien, die ins Bild führen, und als der Stilismus am höchstenstand, mußten in den Ecken ein Baum oder eine Gruppe liegen,die Berglinien oder die Architektur von beiden Seiten nach der Mitteleiten, die Wolken sich so ballen, daß ihre Schwingungen das Augeebenfalls dorthin führen. Jeder Teil mußte auf die Hanptgruppehinweisen. Man meisterte die Natur, man baute Kulissen ins Bild,man verschob die Dinge nach strengem Gesetz.
Die neuen Leute stellen den Gegensatz der Hauptlinien im Bildeher. Etwas Gleiches that schon Millet, der große Franzose. Bei