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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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629
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Plastisches Empfinden. Farbige Bildnerei, Volkmaim. 629

Es ist hiermit eine Frage angeschnitten, welche die Geisterlebhaft beschäftigte. Georg Treu regte sie 1884 durch sein Druck-heft an: Sollen wir unsere Statuen bemalen? Er ließ es nichtbei grundsätzlichen Untersuchungen bewenden, sondern machte unterZuziehung tüchtiger Küustler, namentlich des ohnehin auf male-rische Wirkung hinzielenden R. Diez, verschiedenartige Versuche. Erhatte für sich eine umfassende Kenntnis der Kunstgeschichte, dieihn lehrte, daß die Bemalung von Bildwerken bis ins 16. Jahr-hundert, in Spanien bis ins 18. hinein einen wesentlichen Teil derKuustübung ausmachte; daß also die Fnrbenscheu der Neueren derganzen alten Kunst gegenüberstehe; daß der Kamps gegen diese vonder Forschung an alten durch die Zeit entfärbten Denkmälernausgegangen sei. Hittorfs, Schinkels, Sempers Anregungen wiesenaus einen guten Fortgang in der Wertschätzung der Farbe, eheKngler der Reinheit des weißen Marmors wieder im wesentlichenaus geschichtlichen Gründen zum Siege half. Die Ästhetik, alsAusdruck vorhandener Kunstideale, setzte sich fast durchweg in Ent-rüstung gegen den Gedanken, daß diese Reinheit der Formverletzt werden dürfe. Die Versuche einzelner Bildhauer, des Eng-länders Gibson, der Deutschen Siemering und Kaner standen nochganz vereinzelt. Nnr der Ästhetiker Fechner trat für diese leb-hafter ein.

Inzwischen haben sich die Ansichten sehr gewandelt. Treuskünstlerische Anregungen fielen auf guten Boden. Der Zug derZeit wies auf das Fortspinnen des Gedankens. Die Tanagra-siguren, Tongebilde, die mit weißem Kreidegrund bedeckt undüber diesen mit Gouachefarben gemalt wurden, hatten nicht un-erheblich darauf hingewiesen, daß dergleichen farbige Gebilde möglichseien. Sie waren bald in allen Werkstätten und Wohnungen znHause und nahmen die Stellen ein, die einst die Porzellangruppenbehauptet hatten. Der auf Rafael zurückgeführte Wachskopf einesMädchens im Mnsenm zu Lille lehrte weiter, daß der hundertfachwiederholte Eiuwurf, die bunte Bildnerei führe zu den Scheusälig-keitcn des Wachsfigurenkabinetts nicht ohne weiteres anfrecht er-halten werden kann; daß auch dort eine Knnst hoher Art möglichsei. In Rom nahm vor allen der Bildhauer Arthur Volkmann