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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

an diesen Arbeiten Anteil, ein Schüler Marces', der sich zu einermerkwürdigen Schlichtheit der Auffassung nnd Gegenständlichkeit imDarstellen durcharbeitete. Seine Versuche gingen dahin, die Ruheklassischer Werke wieder zu erlangen, ohne deren Formen nach-zuahmen, und den Marmor zu tonen, später sogar lebhaft zu färben.Prell unterstützte ihn hierin. Er versuchte es mit dem verändertenEmpfinden für die Antike selbst an neuartige Aufgaben, wie dasDenkmal für den Chirurgen Volkmann in Halle, heranzutreten.Es wäre höchst erfreulich gewesen, wenn dadurch eiu Wandel in dieertötende Langweiligkeit unserer Denkmalbildnerei gebracht wordenwäre. Aber die Kunstweisen von Halle schenteu die Verantwortungund wiesen den Bildhauer auf die alteu Wege.

Wichtig wurde namentlich die Thätigkeit des Münchener Bild-hauers Rudolf Maison , der kleine Bildwerke in völlig realistischenFormen und Farben herstellte: Einen Neger, der ans einembockenden Esel reitet, einen griechischen Philosoph, bei dem er sogarden Staub auf deu Füßeu echt, in voller Wirklichkeitsliebe darzu-stellen wagte. Abgesehen von der Abmessung fehlt hier kaum einZug der so gefürchteten Wachsfiguren; bei dem Neger nichteinmal der fette Glanz der Haut. Man kann diesen Gestalten jaohne großen Aufwand an Geist grundsätzlichen Abscheu entgegen-stellen, kann aus Dutzenden von Handbüchern der Ästhetik nach-weisen, daß solches Beginnen, wie Maison es treibt, dem Geist deswahrhaft Schönen und der Kunst widerspreche; man kann jene,die sie ohne Entsetzen ansehen, für ungebildet oder verdorbenerklären. Man kann aber nicht hindern, daß Künstler und Nicht-künstler sie in großer Zahl für Meisterwerke halten, durch die einlange gesuchtes Ziel endlich vollkommen erreicht wird: nämlich dieWiederherstellung des Realismus auch im gefärbten Bildwerk, alseiner Kunst von hohem Rang. Ich zweifle auch nicht, daß dieÄsthetiker älterer Schule, wenn die Herzen erst gewonnen sind,die Köpfe zwingen werden, den logischen Grund für dies Gefallen inihr System einzuordnen, wenn überhaupt jene Köpfe noch der bisherso fleißig geübten Fortbildung ihrer Lehre fähig sind.

Klinger nahm alsbald die farbige Bildnerei mit einer Ent-schiedenheit auf, wie kaum ein anderer vor ihm; das Ergebnis seines