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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Frankfurter Kunst. Thoma,

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und doch klar in die Natur zu sehen lernte; Peter Burnitz , derder Schute von Barbizou den grauen Silbertou absah und imTaunus wiederfand; Wilhelm Steinhausen , der mit einer ruhigenSelbständigkeit die heilige Geschichte breit und wirkungsvoll zu er-zählen wußte Alle diese schufen in Frankfurt , ohne daß inDeutschland von ihnen viel die Rede war. Die Stadt lebte fürsich, die Künstler thaten es in noch höherem Grade; sie fanden jaim wohlhabenden Frankfurt Käufer und Freunde genug. Frank-furt dürfte einmal in der Kunstgeschichte der sechziger und siebzigerJahren eine ähnliche Rolle spielen wie Hamburg zu Anfang desJahrhunderts: Leute mit eigenen Köpfen nnd eigenen Zielen.

Der Eigenartigste nnter ihnen ist Hans Thoma . Vorzwanzig Jahren etwa ging ich einmal durch die akademische Aus-stellung zu Dresden und sah dort eine Flucht uach Ägypten . DasBild hatte einen erbärmlichen Platz, so daß ich mich bei einemMitglied der Hängekommission beklagte. Es war das ein SchülerSchillings, des Schülers Hähnels, des Schülers der Antike, alsokein Sohn, sondern ein Ururenkel der Natur. Ich kam übel beiihm an, denn das Bild war uur aus Mitleid zur Ausstellung an-genommen worden. Thoma sei ja bekannt, weil er nur Häßlichesmalen könne oder gar malen wolle. Und wirklich: ich hätte nuriu den Ausstellungsberichten nachzulesen brauchen, welche Thoma'sBilder besprachen, wenn solche wirklich angenommen wurden. Eserging ihm überall erbärmlich; das Urteil war, ausgenommeneinem solchen von 1879 von Gustav Flörke , ganz einstimmig. InKarlsruhe traten einmal zahlreiche Kunstfreunde zusammen zu einerEingabe an den Kunstverein, dieser solle in Zukunft Thoma dasAusstellen verbieten. Er erregte Abscheu, er ärgerte die Menschenwirklich niit seinen Arbeiten. Die Künstler dachten kaum andersvon ihm. Mir aber erklärten die Dresdner rund heraus, daß,wer sich so verhaue, wer einen solchen Schinken, wie jene Flnchtnach Ägypten , für schön halte, damit einfach beweise, daß er nichtsvon Kunst verstehe! Die Abfertigung, die ich für den mir ganzfremden Künstler einzustecken hatte, führte mich seiner Kunst uahe.Und ich habe es nicht bereut.

Böcktin ist iu Basel und Thoma in Bernau im Schwarz-