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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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VIII. Innere Medizin nnd deren Hilfswissenschaften.

daß dieselben unklar gedacht dem Zufall ihre Entdeckung verdanken.Mehr Gerechtigkeit lassen die Botaniker dem Naturforscher Okenzu teil werden, sie verwerfen zwar seine Theoreme, billigen aberdenselben größere logische Konsequenz zu als denen der Zeit-genossen. Die reiue Medizin sieht in Oken den Hauptvertreterder Schellingschen Naturphilosophie, die uns als einzige, abergroße Errungenschaft den Gebrauch der deutschen Sprache in derWissenschaft brachte, aber sonst wenig Fortschrittliches in sich barg:C. A. Wunderlich charakterisiert die Zeit mit kurzen Worten:Während der englische oder französische Arzt naiv und einfachden Thatbestand angiebt, ist in Deutschland vorzüglich durch dieuaturphilosophischen Überschwänglichkeiten eine verkünstelte und in-haltslose Terminologie geläufig geworden." Aus dieser Zeitstammeu die Ausdrücke: Arteriellität uud Venösität, sensitive Sphäreund sensitive Entzündung.

Zu den bedeutendsten medizinischen Natnrphilosophen gehörenDömling, Kielmeyer, Döllinger, Gruithuisen, Troxler,Kieser, Steffens, Wagner, Markus, Reil, Schmidt, Himly,Eschenmayer, Malfatti und Walther. Über die SchülerSchellings fällte Hamann ein böses Urteil:Die Naturphilo-sophie wurde infolge der Überreizung des Triebes nach syste-matischer Produktion aus einer allgemeinen Wissenschaft desMöglichen zu einer allgemeinen Unwissenheit des Wirklichen."Jgnaz P. V. Troxler (17801866) beschäftigte sich schon inseiner Jugend mit der Naturphilosophie und ist Wohl am weitestenmit derselben durch dick und dünn gegangen. Seine Anschauungenwerden am klarsten durch eine Reproduktion seiner Definition vomLeben: Dasselbeist individuelle Produktivität, in welcher dasProduzierende und das Produkt unter der Form der Selbst-bestimmung und Bestimmbarkeit sich verschlingen". Troxler, dervielfach auch politisch thätig war, wurde verschiedene Male ausseiuen Stellungen vertrieben, auch wegen demagogischer Umtriebeangeklagt nnd sührte ein sehr unruhiges Leben. Er war litte-rarisch sehr fleißig und hinterließ außer seinen Philosophisch an-gehauchten Schriften, die nur kulturhistorischen Wert besitzen, einigewertvolle Arbeiten über den Kretinismus in der Schweiz . Dietrich