Naturphilosophie.
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Georg Kieser (1779—1862) erklärte in seinem „System derMedizin" (1814) das Leben für eine Oskillation resp, eineSpannung. „Gesundheit ist relative Indifferenz beider Principiell,Krankheit Abweichen vom Normal dnrch Vorwiegen des positivenoder negativen Poles." Er wies nach, daß die beim Sängetierschoil bekannte Allantois anch beim menschlichen Embryo vorhandenist uud stützte damit die Okeusche Lehre von der Entwickelung desDarinkanals aus dem Nabelblüschen. — Seine übrigen, nament-lich psychiatrischen Schriften zeigen große Erfahrung und klareDenkweise, nnr als Botaniker wird er nicht anerkannt, obgleich er1815 „Grundzüge der Anatomie der Pflanzen" herausgab.Aber in diesem Buch war er viel weniger Forscher als Natur-philosoph und brachte nicht nur nichts Nenes, sondern wiederholtealte, längst widerlegte Irrtümer, wie z. B. die Lehre Hedwigovon den lymphatischen Gefäßeil in der Epidermis und die An-fchauling, daß die Moose aus Konfervenfäden bestehen.
Am schlimmsten hauste die Naturphilosophie aus dem Gebieteder Metamorphosenlehre. Schon Goethe hatte in seiner Meta-morphosenlehre (1790) nicht unterschieden zwischen thatsächlicherund bildlicher Metamorphose, denn er gebrauchte das Wort baldim objektiv gültigen, bald im idealen, bildlichen Sinne („man kannebensogut sagen, ein Staubwerkzeug sei ein zusammengezogenesBlumenblatt, als wir vom Blumenblatt sagen können, es sei einStaubgefäß im Zustande der Aiisdehuuug"). Entweder er mußtesich nun entscheideil, ob er eine zeitliche Metamorphose annimmt,also eine Veränderuug der Species in der Zeit, oder er mnßtesich auf den philosophischen Standpunkt stellen, bei dem Begriffund Sache zusammenfällt. Er that keines von beiden, sondernschwankte hin und her; erst gegen das Ende seines Lebens zeigteer durch die lebhafte Auteiluahme an dem Streite zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire , daß er trotz der Unklarheitender naturphilosophischeil Schulen der Wahrheit immer näher kam. —Goethe freilich ist ganz in dem Wahn der Naturphilosophie be-fangen und klammert sich an einzelne Definitionen an; so behaupteter von der „Spiraltendenz der Vegetation": „Hat man den Be-griff der Metamorphose vollkommen gefaßt, so achtet man ferner,