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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Rademacher.

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Der Kreis der Anhänger der naturgeschichtlichen Sekte warein engbegrenzter. Die Unmöglichkeit, die Theorien in die Praxiszu übersetzen, ohne sofort Schiffbruch zu leideu, die Auswüchse,welche die Methode selbst mit sich brachte, der streng naturwissen-schaftliche Geist, welcher ihr in der übrigen medizinischen Forschunggegenübertrat, all das war nur dazu angethan, diesen Ausläuferder Naturphilosophie in die Versenkung zu stoßeu. Es nimmt nnswunder, daß die vorgenannten Männer, die dnrchwegs im Lebenin hervorragenden Stellungen sich befanden und ganz Vorzüglichesin der Praxis leisteten, dem Wahne der Zeit oder besser gesagt,der Modeströmnng nicht stärkeren Widerstand entgegenbrachten.

Bevor wir auf den vorher schon erwähnten Kliniker über-gehen, müssen wir noch zweier medizinischer Schulen gedenken, vondenen die eine die Erfahrungsheillehre von Nademacher ist,die audere die von Galt begründete und später von Spurzheimweiter geführte Schädellehre (Kranioskopie, Phrenologie) darstellt.Beide Lehren stehen unvermittelt in dem übrigen Nahmen der zurgleichen Zeit herrschenden wissenschaftlichen Strömungeu, wenn auchRademacher wohl unbewußt manches von den Natnrphilosophengelernt und in sich aufgenommen hat. Beide Lehren blieben nichtohne Einfluß ans die Heilwissenschaft, doch war Gall von weitgrößerem Erfolge begleitet als der einfache Landarzt.

Johann Gottfried Rademacher , ein geborener Westsale,lebte von 17721850. Von den 54 Jahren, die er als praktischerArzt thätig war, verbrachte er 53 in dem kleinen niederrheinischenStädtchen Goch , weshalb er anch in der Geschichte der Medizinden Beinamender Alte von Goch" führte. Aus allem, wasüber ihn bekannt wnrde, geht hervor, daß er ein ausgezeichneterCharakter war, ein Arzt, dessen Ruf weit über die Grenzen seinerLandschaft hinausging, nnd ein Schriftsteller, der mit zahlreichenGrößen seiner Zeit, namentlich mit seinem Lehrer Hufeland, inreger Verbindung stand und auch nicht selten seine Erfahrungenin medizinischen Zeitschriften dem Urteile der Kollegen unterbreitete.Nachdem er seine neue Lehre veröffentlicht hatte, für die er langekeinen Verleger finden konnte, hörte die Verbindung mit der Schul-medizin mehr und mehr ans, er hatte sich zu sehr mit den Herr-