368 VIII. Innere Medizin und deren Hilfswissenschaften.
Heute ist er vergessen, der Mann, der in einer aderlaßwütigenZeit denselben nur vereinzelt anwandte, der sich, freihaltend vvnden Lehren der naturphilosophischen Schule, in dem eiusamenStädtchen ein System ausgedacht hatte, nach dem er in vollerÜberzeugung handelte und ebensoviele Erfolge hatte, vielleicht nochmehr, als seine Zeitgenossen, die ihm entgegentraten. Es ist hierleider nicht der Platz, aus dem großen Buch Rademachers dieGoldkörner herauszusieben, aber daß solche darin enthalten sind,beweist die Thatsache, daß immer wieder der Versuch gemacht wird,dem Alten von Goch zu seinem Rechte zu verhelfen. —
Ganz anders, d. h. viel anmaßender, trat eine Lehre auf denPlan, die unzählige Federn iu Bewegung setzte: die GallscheSchädellehre. Franz Josef Gall (17S8—1828) wurde im Badischen ,in der Nähe von Pforzheim , geboren und hat ein sehr be-wegtes Leben geführt. Unter van Swieten in Wien promoviert,legte er in Wien den Grund zu seinen Studien über die Schädel-lehre und erwarb sich eine große Sammlung von Schüdelu undGipsabgüssen, welche das Material zu seinen späteren Forschungenund Publikationen bildeten. Als er anfing, Vorlesungen überseine Lehre zu halten, erregte er den Verdacht gewisser Kreise, sodaß seine Vorlesungen als religionsfeindlich vorübergehend inhibiertwurden. Dann machte er große Reisen in Deutschland, Holland ,der Schweiz, Dänemark und sammelte sich eine Anzahl von An-hängern. 1807 verlegte er seinen Wohnsitz nach Paris und starbin dessen Nähe auf seinem Landsitze 1828.
Es ist von hohem Interesse, die Biographie Galls zu lesen.Schon als neunjähriger Knabe machte er die Beobachtung, daß ein-zelne seiner Mitschüler im Auswendiglernen Besonderes leisteten,während sie in anderen Lehrgegenständen zurückblieben. Er sand,daß diese Schiller sich durch große uud hervorstehende Augen aus-zeichneten, weshalb er ihnen den Beinamen: die „Ochsenäugigen"gab. Ebeuso wunderte er sich über einen Kameraden, der sich beiden größten Spaziergängen nie verlief, was dem juugen Gallbeim Ausnehmen der Vogelnester häufig begegnete. Auch beidiesem Schüler entdeckte Gall eine ganz besondere Konfigurationdes Schädels, die ihn so fesselte, daß er in späteren Jahren vom