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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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VIII. Innere Medizin und deren Hilfswissenschaften.

König der makroskopischen Pathologen, er verfügte über mehr als100 000 nach einem einheitlichen Schema aufgenommene Sektions-protokolle, also über ein ungeheures Material.

Seit Schwanns Entdeckungen war man der Wahrheit nahe,daß alle Gewebe, auch die pathologisch entarteten, aus Blastementstünden, nur war man sich nicht darüber einig, ob sich die Ver-schiedenheit der Neubildungen durch eine Verschiedenartigkeit derBlasteme erkläre, oder ob nur Ein Blastem vorhanden sei, welchesje nach den Verhältnissen seinen Charakter verändere. Nokitanskyentschied sich dafür, daß es verschiedene Blasteme gäbe und nahmaußerdem eine lokale, entzündliche Krase an, welcher eine allgemeinentzündliche Krase gegenüberstünde. So kam er dazu, einen ent-zündlichencroupösen und tuberkulösen Faserstoff, ein krebsiges,typhöses, exanthematisches, tuberkulöses Eiweis" anzunehmen. Weilsich aber damit nicht die Kombination mehrerer Krankheiten,z. B. Typhus und während desselben sich einstellende Lungen-entzündung erklären ließ, nahm Rokitansky noch den Meta-schematismus an, bei welchem eine Krase rasch in eine andere um-schlägt, und er glaubte serner an die gleichzeitige Wirkung verschiedenerKrasen.

Als ihm Virchow nachgewiesen hatte, daß seine Lehren vomerkrankten Faserstoff und Eiweis unhaltbar wareu, kam Nokitanskyauf die Cyste, die zuerst aus einer Zelle, dann aus einem Kerneund endlich ans Fachwerken abgeleitet wird; erschuf die direkt aus-wachsenden Maschenwerke, die nackten Zellenhaufen, die strukturlosenHohlkolben und blieb dabei an der Form haften, wie er bei seinerKrasenlehre zu weit gehende Schlüsse gezogen hatte. Er bedientesich erst spät des Mikroskopes und dann auch, wie es scheint, nichtmit großer Vorliebe, trotzdem gelang es ihm, in verschiedenen Ge-bieten, so namentlich in der Krebslehre bei den Neubildungen über-haupt und den Bindegewebswuchernngen der Wissenschaft neueAusblicke zu verschaffen. Bekannt ist Nokitansky durch die ori-ginelle Art seines an sich anspruchslosen Vortrages, bei dem er sichvielfach neuer, selbstgebildeter Worte bediente, welche aber meist denzu schildernden Znstand auss Genaueste traseu. Wichtig ist seineStellungnahme zum Materialismus, deu er als Weltanschauung