618
Nach 1871: cle sidels«.
in unserer Zeit. Allen voran war es Medizin und Naturwisseu-schast, deren Nutzen für das Leben freilich auch am leichtesten ein-leuchteud gemacht werden kann. Die Wissenschaft der Hygiene griffmächtig in das öffentliche Leben ein und berührte sich durch ihreForderung von Licht und Luft und Wasser gerade auch fürdie armeu Klasseu der Bevölkerung in den großen Städten odervon Volksbädern und Lungenheilstätten mit den übrigen Be-mühungen um die Lösung socialer Aufgaben. Von dieser Seitewar ja auch eiu Anstoß zur Schulreformbewegung ausgegangen,indem allerlei Übel wie Kurzsichtigkeit oder gar die Zunahme desWahnsinns vor allem den höheren Schulen zur Last gelegt wurden.Namentlich bedeutsam wurde die Bakteriologie mit ihrer Lehre vonder Übertragung der Krankheiten durch Pilze; doch hat die Therapieaus dieser neuen Theorie noch nicht allzuviel Gewinn gezogen; wirkennen den Cholerabacillus und andere gefährliche Mikroben, abersie im Kranken zu töten, haben wir noch nicht gelernt. Nur dasvon Behring gefundene Serum gegen die Diphtherie hat sich als er-folgreich praktisch bewährt. Dagegen war die Art und Weise, wieKochs Tuberkulin verfrüht iu die Öffentlichkeit hiuausgegebeu, mitwahren Triumphtrompetenstößen angepriesen und mit wildem Taumeldes Entzückens vom Publikum begrüßt wurde, ein Zeichen, wieauch die Wissenschaft dem allgemeinen Massen- und Reklamegeistdes zu Ende gehenden Jahrhunderts ihren Tribut bezahlt. Undwenn wir sehen, wie eine auf die Sensationslust berechnete Theoriewie die von Schenk über die Vorausbestimmung des Geschlechtsder Kinder völlig nnreif uud haltlos ins Publikum hineingeworfenwird, nnr um die flüchtige Aufmerksamkeit einer Stnnde auf sichzu ziehen, so können wir es wohl begreifen, wie mißtrauisch das-selbe vielfach dem medizinischen Können und Wissen gegenüberstehtund entweder Schwenningers witzig vorgetragenem Skeptizismusverfällt oder sich an den nächsten besten Kurpfuscher hält, dergünstigeren Falles wie Kneipp längst Bekanntes und Bewährtes inorigineller Form und mit einer von Wissen nicht getrübten Einseitig-keit keck und kühn auf jeden Fall zur Anwendung bringt. Vollaufberechtigt war dagegen das Aufsehen, welches die Entdeckung derNvntgenstrahlen machte; hier lag die wissenschaftliche Bedeutsam-