HcbbelS „Nibelungen
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Ansprüchen nicht; für ihn mußte in den Charakteren selbst, in dembloßen Wollen die Herausforderung an das Fatum liegen. DerRest von „Zufall", der uun einmal in jedem menschlichen Schicksalbleibt, sollte entfernt werden. Es ist doch immerhin „Zufall", daßGünther Bruuhilden zum Weibe begehrt; ja es ist fast Zufall, daßSiegfried nach Worms kommt. Diesem „so ist es" des Volkseposschiebt Hebbel wie gewöhnlich sein „so muß es sein" unter.
Eine ganze mythische Maschinerie hat er zu diesem Zweck neuerfunden. Wir leben wieder in einem im eminenten Sinne welt-historischen Moment, wie der war, als Holofernes, der erste undeinzige Mann der Erde, die kleine Welt aus ihren Fugen hebenwollte; wie der war, wo das Universum seine Augen auf Genoveva,die einzige Gerechte, gebannt hielt. Es ist der kritische Augenblick,in dem sich das Schicksal der alten riesischen Welt erfüllen soll.Als ihr letzter Sproß lebt Brnnhild in großartiger Einsamkeit.Verharrt sie siegreich in ihrer Abgeschlossenheit, so wird in ihr diealte Wunderwclt verkörpert fortleben: schicksallos, doch schicksal-kundig wird sie unsterblich in voller Jugendkraft und Weisheitleben. So entstände eine höhere Welt, ein drittes Reich, wie Heinees träumte und Ibsen und Wilhelm Jordan : von der ewigen Weisheitselbst beherrscht, würde unsere Menschheit glücklich sein. Aber gegendiese Zukunft kämpfen beide Welten. Gegen sie kämpft die alteriesische Urwelt selbst, die sich erhalten will iu ihrer ausgedehntenFülle und deren Zauber „die letzte Riesin ohne Lust wie ohneWahl zum letzten Niesen treibt" — zn Siegfried, der in die mildere,aber auch schwächere Menschenwelt Kraft und Unverwundbarkeitder Dämonen gerettet hat. Und gegen diese Zukunft kämpft auchdie neue, kleinere Menschheitswelt, die den fremden Herrscher ab-lehnt und als deren Bote Günther Brnnhild zur Burguudenköniginholt. Die ungeheuere Gewalt der Keuschheit, die Hebbel schon inJudith, aber auch in Genoveva malte, muß in Brnnhild bezwungenwerden — dies übrigens ein Punkt, in dem sich Hebbel mit den altenmythischen Anschauungen wahrscheinlich in Einklang befindet. Des-halb ist Brnnhild zugleich die Vertreterin der Weiblichkeit, wie jenebeiden Heroinnen, wie Nhodope, und in dem Kampf mit GüntherHat Mann und Weib für alle EwigkeitDen letzten Kampf ums Vorrecht ausgekämpft.
So tritt eine mystische Notwendigkeit an Stelle des menschlichwunderbaren Schicksals. Brnnhild und Siegfried, die Riesen, fallen
Meyer, Litteratur. 2g