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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
Entstehung
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18401850.

dem Übergang der Zeitalter zum Opfer und reißen dieneuenMenschen" mit herab, die dieList der Natur" zu ihrer Bezwingungverwandt hat.

Seltsam ist es, daß Hcbbel sich doch nicht entschließt, mitdem Tode des Neckengeschlechts die kleinere Welt beginnen zulassen, wie das wieder den Vorstellungen der Heldensage gemäßgewesen wäre. Drei Freie, drei Starke lebten ans der Welt,auf der Menschenwelt Siegfried war nur der eine vou ihnen,nicht der stärkste; Etzel ist der zweite, der dritte und der mäch-tigste ist Dietrich. Und an diesen geht jetzt die Weltherrschaftüber; wie Brnnhild nach ihrer Vision wird er immer als der Ersteund Einzige in Stärke nnd Weisheit diese Menschheit bändigen.Zweierlei wirkte zusammen, um diesen Gedanken hervorzubringen,der höchst unglücklich die großartige Gesamtanlage zerstört. Zu-nächst erkannte Hebbel mit sicherem dramaturgischem Blick, wieleicht der letzte Akt der Nibelungentragödie abfällt: er bringt janur blutige Erfüllung unserer vvrausschaueudcn Kenntnis. IndemHebbel mit Dietrich eine gewaltige Figur neu hier einführte, glaubteer das Interesse neu zu beleben. Aber die Zuschauer verletzt esnur, daß Siegfried uud Etzel plötzlich von einem dramaturgi-schen Parvenu verdunkelt werden, der bloß in der billigen Rolledes Matadors die von furchtbaren Kämpfen erschöpften Helden,Günther und Hagen , zn bezwingen hat. Und dann sollte Dietrichgleichzeitig den Übergang von dem noch halbheidnischen Reckentum(man denke an Hagen und den Kaplan!) znm vollen Christen-tum darstellen. Aber Hebbel hatte die alte Riesenwelt so groß-artig geschildert, daß die Erbschaft nicht beneidenswert ist: indemdas Christentum eine zerschlagene Welt übernimmt, in der bis aufden einen, Dietrich, alles Große vertilgt ist, scheint seine Rollenicht glänzender als die Dietrichs selbst. Wohl schwebte es demDichter vor, eine imposante Perspektive zu eröffnen, wie jene Zeites liebte, wie Grillparzer in derLibussa" und Lenan in denAlbigensern" gethan; aber von dem Boden dieses Stückes aussehen wir nur in Nebel, die selbst das WortChristus" nichtsonnenhaft durchbrechen kann.

Auffallend ist es, wie vielfach sich Hebbel hier mit Grillparzer berührt. Die einsam prophetische Jungfrau und ihre Visionenrufen die Erinnerung an Libussa wach; ihre alte Amme stehtneben ihr wie neben Medea die ihre, als Verkörperung der alten