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Zauberwelt. Und dennoch ward „Libnssa" erst nach dem Tode desDichters veröffentlicht! Um so bezeichnender sind jene Anklängefür eine gewisse innere Annäherung Hebbels an seinen Antipoden.Gerade die schönsten Partien der „Nibelungen " haben etwas vonGrillparzers Art, alte Stoffe psychologisch zu verjüngen. Siegfriedim Vorspiel, ganz dem treuherzigen Stil des alten Epos nach-gebildet; oder die Anfreundung Kriemhilds und Bruuhilds; aberauch die großartige Auseinandersetzung zwischen Hagen und Kriem-hild haben etwas von jener sicheren Anschauung, jener packendenGegenwart, die die schwierigsten Charakterprobleme bei Grillparzer glaubhaft macht. Doch auch rein phantastische Erfindungen wieVolkers wunderbare ekstatische Erzählung vom Nibelungenhort ge-hören zu dem Höchsten, was wir besitzen. Leider knarren dazwischenjene leidigen prosaischen Scharniere, die bei Hebbel Ideal und Wirk-lichkeit verbinden müssen — Wendungen wie diese:Ich sah, wie alle Unnatur sich rttcht . .
Leblos ist der ganze Troß der Nebenfiguren geblieben, vonUte und Gernot angefangen. Und so ist dies gewaltige Werkselbst, wie seine Heldin, das Opfer einer Umwandlung.
Daß Hebbel sein gewaltiges Ziel nicht erreichte, daß er ansdem Höhepunkt seiner Reife und Kraft in einem lange Jahre liebe-voll gepflegten Werk nicht die freilich aufs höchste gespanntenForderungen erfüllte, die es erweckte, das liegt hier vielleicht wenigerin den Grenzen seines Könnens, als in dem Stoff selbst. Freilichist die berühmte Theorie vom mythischen Drama allmählich fastzum Dogma geworden. Mir scheint sie theoretisch sehr anfechtbar,praktisch durch Richard Wagner und durch Friedrich Hebbel gleich-mäßig widerlegt.
Die Lehre, daß der nationale Mythus für ein nationalesDrama der vornehmste Stoff sei, geht aus von einer höchst vor-eiligen Gleichsetzung altgriechischer und moderner Verhältnisse. Manvergißt, daß zu den Zeiten des Aischylos und Sophokles die altenMythen und Sagen von einem großen Teil des Volkes noch alshistorische Wahrheit aufgefaßt wurden; daß die Zeit kaum ver-gaugeu war, in der dies die alleinherrschende Auffassung war. Woist dagegen unter den Zuhörern des „Nibelungenrings" einer, derjemals an Wotan geglaubt Hütte? Das mythische Zeitalter fürdas Drama unserer Tage reicht von Luthers Auftreten bis 1813,allenfalls jetzt schon bis 1848. Reformation uud Bauerukrieg sind
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