Freiligraths revolutionäre Periode.
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Unmittelbar vorher (1839) hatte der Junghegelianer Arnold Rngein den Halleschen Jahrbüchern ein kräftiges Manifest gegen dieNomantiker erlassen, nnd noch in demselben Jahre behauptete, wieJacob Minor anführt, die Leipziger Allgemeine Zeitung, Tiecks „Genoveva" und „Phantasus" hätteu in Vergessenheit sinken müssensamt allem, was die romantische Schule geschaffen, von dem Augen-blicke an, da die erste vaterländische Poesie in Willibald Alexis '„Cabanis" aufgetaucht sei. Das schoß über das Ziel hinaus; aberganz richtig war die Empfindung, daß die Patriotische Kampfdichtnngder in ihren Anfängen ja auch deutschtümlicheu, nun aber längstexklnsiv-aristokratisch gewordenen Nomantik das Grab graben würde.Und in dem Augenblicks in dem der damals populärste Jünger derNomantik ihr Lebewohl sagte, war ihr Schicksal besiegelt.
Die steigende Erregung des Tages brachte ihm nun entgegen,was er bisher gesucht hatte: das Gefühl pathetischer Erhebung,die Übereinstimmnng mit einer heldenmütigen Kampfbereitschaft, Dergroße Moment war da; man brauchte ihn nicht fürder unter Löwenund Tigern zu suchen.
Wo Freiligrath seinen Platz nehmen würde, kounte nichtzweifelhast sein. Rasch gab (1844) der Ehrenmann die königlichePension auf uud warf „iu die Stickluft dieser Tage" sein „Glaubens-bekenntnis" (1846). Eine neue Periode begaun. Und wiederhatte er erst zu suchen, bis er den Stoff der Gegenwart resolutergreifen lernte. Diese Sammlung poetisiert immer noch mit be-wußter Absicht, wendet allzu gern ausgeführte Gleichnisse uud histo-rische Anekdoten an. Die Menschheit ist ein Baum; Deutschland ist Hamlet . Oder Louis Ferdinands Zopf, Georg WilhelmsFensterkreuz werden aufgegriffen nnd geistreiche Betrachtungen an-geknüpft. Mit dem Knnstmittel der Metapher reizt und steigertsich der Dichter gewaltsam:
Laß ab, laß ab — o zieh nicht fort!
Laß ab — es fleht, es hebt die Hände!
Laß ab — daß neuer Kindcrinord
Des Hauses alten Ruhm nicht schände.
Die Technik des Refrains, dem alten Gegner Herwegh ab-gelernt, bringt in diese Dichtungen noch etwas Rhetorisches. Dannaber kommt die Revolution uud erweckt alle Instinkte des Helden-muts, der Leidenschaftlichkeit, der Kraft in ihm. Nuu erscheinen(1849 und 1850) zwei Hefte „Neuere Politische und sociale Ge-