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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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Gedichte eines Lebendigen"

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denVerstorbenen", gegen den Fürsten Pückler als typischen Ver-treter der geistesjunkerlichen, aristokratisch-blasiertenLitteratur derbesseren Stände" gerichtet. Der Erfolg blieb hinter dem nicht zurück,den drei Jahre srüher Freiligrnth errungeu hatte. Das Jahrzehntist eben das der großen lyrischen Triumphe: Anastasius Grün, Lenau ,Frciligrath, Hoffmann v. Fallersleben, Herwegh treten sich 1831bis 1841 auf die Fersen, während sreilich Annette von Droste undMörike nicht durchdrängen, weil dem einen die Tendenz fehlte unddie der andern antimodern war.

Herwegh hatte die Kunst verstanden, dem Gefühl, das überallsich regte, eine künstlerisch abgerundete Form zu geben. Nur ebendem Gefühl das klare Denken, das Sallet forderte, lag ihn:fern. Nur eben dem Gefühl gab er Ausdruck, das überall sichregte vertieft, individualisiert, mit neuem Leben gefüllt hater es nirgends. Aber er war der Mund des Volkes mir destomehr geworden, je weniger er sich innerlich irgend über den Durch-schnitt erhob. Man nehme nur seinenAufruf"! Inmitten derallgemeinen Stimmung gegen die Kirche tritt Herwegh gleichsamauf einen Baumstumpf, auf irgend eine natürliche Tribüne undverdichtet jenes allgemeine Gefühl in den Kampfruf:Reißt dieKreuze aus der Erden!" Das Gefühl wird au einer symbolischenHandlung verdeutlicht, die Zuhörer haben, indem sie es hören, fastdie Empfindung, wirklich zu handeln, etwas zu leisten, die Kreuzeherauszureißen. Nun läßt er seine Blicke umherschweifen, als hättejeder ringsum eiu herausgerissenes Krnzifix in der Hand wassoll min damit geschehen? Schwerter sollen die eisernen Kreuzewerden und so eine neue Heiligkeit im heiligen Kampfe gewinnen.Wie aufregend, ausreizend wirkt dieser Ausruf! Oder das Lied vomHaffe , das iu rascher Folge alles zusammenschiebt, was sich überdas Thema dieser VerspredigtHeiliger wird unser Haß als unsreLiebe werdeu" sagen läßt! Gewiß, seine Gedanken sind spärlich,und die Technik ist dem großen Chansonnier Beranger abgelernt,die Reime haben von Frciligrath Profitiert:

Im Fleisch der Menschheit ward zum PfahlDie Wiege des Ricnzi Cola,Seit Luthcrn traf des BanncS StrahlUnd seit loyal dort nur Loyola . . .

Und dennoch ist etwas Neues, etwas Originelles in dieser Art.Alle srühcre politische Lyrik verkündete Gesinnnngeu diese fordert