Gustav Freywg.
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ernsthafte Arbeit erworben habe: freundlichen Anteil und Achtungder Zeitgenossen. Wir würden das alles wohl mit kräftigerenAccenten aussprecheu; aber eiu Roman ist aus diesem Lebeu wirklichnicht zu machen. Wir treffen Stärke und Schwäche seiner Eigen-art zugleich, wenn wir sagen: er hatte gar keine Zeit, etwas fürsich zu erleben — wenn es auch natürlich an Liebesabenteuern,dramatischen Enttäuschungen, politischen Aufregungen in diesemLeben nicht gefehlt hat. Aber er hatte die Aufgabe, dem deutscheuVolk das ganze Leben der deutschen Nation noch einmal gleichsamvorzuleben, sich hindurchzuleben durch all die Schicksale und Wand-lungen des größten modernen Volkes. Das ward sein unvergleich-liches Lebenswerk.
- Freytag , der geborene Erzähler, den das schlesische Naturell,seine Persönlichkeit, seine Lebensaufgabe auf diese Dichtungsgattunghinwies, hat als Lyriker und Dramatiker begonnen. Über dieGedichte („In Breslau " 1845) ist weiter nichts zu sagen, als daßsie herzlich schlecht sind und daß die Breslauer Poeten, ältere wieHosfmann von Fallersleben , junge wie Strachwitz, für ihre lyrischeAnthologie schwerlich einen weniger geeigneten Herausgeber findeukonnten als Freytag. Mit dem Drama steht es freilich anders;wenn Freytag auch die wichtigste Eigenschaft des Dramatikers fehlte,die Leidenschaft, die mit den Figuren auf der Bühne stürmt undmit dem Schicksal hin und her wogt, so besaß er doch die sichereAnschauung der Gestalten lind eine feine und abwägende Kenntnisder Technik. Daher konnte ihm hier sogar einmal ein solch glück-licher Wurf gelingen wie die „Journalisten ". Aber zu dereu Bühnen-sicherheit mußte der Dichter sich erst langsam dnrcharbeiten durchSturm uud Drang des liebenswürdigen historischen Lustspiels „DieBrautfahrt, oder Kunz von der Rosen " (1844), durch die jung-deutsche Mache der beiden Schauspiele „Die Valentine" (1847) nnd„Graf Waldemar" (gedichtet 1847, erschienen 1858). Nur dasfahrende Volk gelingt ihm in diesen Stücken; die „Zerrissenen", dieim Mittelpunkt stehen, nnd die intriguanten Gegenspieler bleibenkonventionell und reden Buchdeutsch.
Auf die beiden Dramen folgt ein großer Fortschritt: sein be-rühmtes Lustspiel: „Die Journalisten" (1854). Es war ein glück-licher Griff, gerade die zu äußerster Erhitzung vorschrciteuden poli-tischen Gegensätze zum Hintergrund einer an sich tendenzlosen Komödiezu machen. Nirgends versteht man es so wenig wie in Deutsch -