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Die deutsche Litteratur neunzehnten Jahrhunderts / Richard Moritz Meyer
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1840-18S0,

Welt von dem schlesischen Gemüt: dem allerliebsten Gemisch vonpolnischer Lebhaftigkeit und altsächsischer Bedächtigkeit, von gut-mütiger Einfalt und kalkulierendem Scharfsinn, von sentimentalerWeichheit und reflektierender Ironie, von lauter Fröhlichkeit undandächtigem Ernst . . . Alles, was man auf Erden nnr werdenkann, wird der Schlesier mit Leichtigkeit. Am liebsten wird erallerdings Poet, weil ihm das die Einseitigkeit erspart, irgend etwasSpecielles zu werden."

Freytag war der Sohn eines in soliden Verhältnissen lebendenArztes, der später Bürgermeister der kleinen Grenzstadt Kreuzburgwurde. Er studierte deutsche Philologie: Hoffmann von Fallersleben führte ihn in Breslau in die Anßenwerke ein, Lachmann in Berlin in die Citadelle. Dann habilitierte er sich (1839) als Privatdocentin Breslan, ohne der Lehrthütigkeit große Liebe zu widmen, undgab sie nach einem Konflikt mit dem Historiker Stenzel (1847) ganzauf. Eine ungleich wirksamere Lehrthütigkeit harrte seiner: mit JulianSchmidt übernahm er (18481861 und 18671870) die LeitungderGrenzboten", die neben HaymsPreußischen Jahrbüchern "damals die maßgebende Zeitschrift der liberalen Bildungsaristokratiewaren; von den zahlreichen Aufsätzen zur Politik, zur Litteratur-geschichte und Kritik, die er beisteuerte, sind die hervorragendsten inzwei Bänden seinerWerke" vereinigt und sollten nirgends fehlen,wo wertvolle Kritik in guter Form geschätzt wird. Seine eifrigpreußische Gesinnung machte ihn am Hof des Herzogs Ernst vonKoburg zur xersova Ai-ata; auch den Krieg von 1870 durfte erim Hauptquartier des Kronprinzen mitmachen. Dann lebte erauf seiuer Besitzung Siebleben bei Gotha , im Winter (seit 1879)in der Poetenstadt Wiesbaden . Alle Ehren der litterarischen Welthäuften sich auf feinem Hanpte, ohne ihn um Fingersbreite vondem gewohnten Gang abzubringen; als ein nationaler Verlust wardder Tod des fast Achtzigjährigen (am 30. April 1895) betrauert.Noch wenige Tage vor seinem Hinscheiden hatte der feste Riese nntdem Minister von Stosch, dem Begründer der deutschen Kriegs-marine, eine Flasche Champagner geteert.

Das ist sicherlich, die nnverwüstbare Gesundheit etwa aus-genommen, ein höchstnormaler" Lebenslauf. Demütig hatFreytag selbst bekannt, daß er den besten Besitz seines Lebens nurgeerbt habe:einen gesunden Leib, die Zucht des Hauses, denHeimatstaat"; demnächst schätze er am höchsten, was er durch eigene